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Lungenheilstätte

18 Sep

Jetzt denkt ja jeder erstmal an Beelitz, wenn das Wort Lungenheilstätte fällt. Aber Beelitz (wo man wirklich nicht mehr hinfahren sollte, so kommerziell, wie es dort geworden ist) ist ja nur eine von buchstäblich hunderten Sanatorien dieser Art.
Als man gegen Ende des vorvergangenen Jahrhunderts anfing, systematisch gegen die allgegenwärtige Volkskrankheit Tuberkulose vorzugehen, entwickelte die Mediizin den allbekannten Typ von Sanatorium: Tief im Wald gelegen, Patientenzimmer auf der Südseite mit möglichst Frischbelüftung rund um die Uhr und zusätzlich erkannte man, dass Höhenluft die Kur noch verbesserte. In Folge dieser Erkenntnisse wuchsen die Lungensanatorien in Mitteleuropa wie Pilze aus dem Boden. Eines der bekanntesten aus dieser Zeit dürfte das Sanatorium des Erhard Hartung von Hartungen sein, das ursprünglich am Gardasee lag, aber von Thomas Mann in die Davoser Bergwelt versetzt wurde und dort der „Zauberberg“ war.

In Zeiten vor der Wende saß ich häufig bei Freunden meiner Eltern in einem kleinen Luftkurort im Oberharz knapp vor der damaligen Grenze im Garten und wir sahen deutlich etwa dreihundert bis vierhundert Meter hinter dem Grenzaun ein Gebäudeensemble am Hang in den Westen herüberleuchten. Das ist das Lungensanatorium hieß es und ich staunte, weil es Leute gab, die mit in der Runde saßen und das noch kannten. Danach vergaß ich das.

Im Juli dieses Jahres, wieder einmal in der Heimat unterwegs fiel es mir auf dem Weg nach Braunlage wieder ein. Ich suchte die Stelle, aber die Aussicht war längst zugewachsen, die Freunde längst weggezogen. Auf Luftbildern war es allerdings dann doch leicht zu orten.

Lungenheilstätte, Hauptgebäude – 7. Juli 2012

Lungenheilstätte, Hauptgebäude – 7. Juli 2012

Es ist ein imposantes Hauptgebäude. was hier vor fast genau 110 Jahren errichtet wurde. Bis zum 3. Obergeschoß hat man Granit verwendet. Ursprünglich stand das Hauptgebäude erstmal alleine am Hang, die Erweiterungen erfolgten dann Schritt für Schrit bis in die späten dreissiger Jahre.

Lungenheilstätte, Hauptgebäude – 7. Juli 2012

Lungenheilstätte, Hauptgebäude – 7. Juli 2012

Träger der Einrichtung war bis 1945 ein kirchlicher Orden, der gerade in den Anfangsjahren der Sanatoriums darauf achtete, dass auch finanziell minderbemittelte Personen hier die Möglichkeiten zur Behandlung bekamen. Bis Ende der Inflationszeit wurden hier übrigens nur Frauen behandelt. Die Tagessätze lagen zwischen 5 Reichsmark im Vierbettzimmer bis zu 7 Reichsmark im Einzelzimmer.

Lungenheilstätte, Seiteneingang – 7. Juli 2012

Lungenheilstätte, Seiteneingang – 7. Juli 2012

Über dem Seiteneingang auf der Südseite ist die nach einem Brand in den neunziger Jahren eingestürzte Kapelle zu erahnen. Die Drehleiter der Feuerwehr konnte aufgrund der vielen Trümmer und Schuttmassen rund um das Gebäude ihre Stützen nicht ausfahren.

Lungenheilstätte, Haupteingang von Aussen – 7. Juli 2012

Lungenheilstätte, Haupteingang von Aussen – 7. Juli 2012

Der Haupteingang an der Ostseite zeigt, wie prachtvoll die architektonische Ausgestaltung ursprünglich gewesen sein muss. Dass das Haus ein Trümmerfeld sein würde, war mir ja nach den Recherchen im Netz schon klar, aber an manchen Stellen (die vandalensicher sind) blitzt noch die alte Schönheit hervor. Ob die Figur an der Südseite aus Alabaster oder schnödem Beton ist, kann ich auf die Entfernung nicht ausmachen. Auch bleibt die Frage offen, wen sie darstellt. Vermutlich was griechisches aus der Mythologie, die Damen sind ja damals schon immer mit nacktem Busen durch die Weltgeschichte getobt.

Lungenheilstätte, Skulptur an der Aussenwand – 7. Juli 2012

Lungenheilstätte, Skulptur an der Aussenwand – 7. Juli 2012

Im Inneren sind es jetzt im Juli gleich gefühlte 20° kälter. Der Eingang, der oben von aussen gezeigt ist, stellt sich von der anderen Seite so dar. (Man beachte die stylische Lampe … aber dazu später mehr):

Lungenheilstätte, Eingang von Innen – 7. Juli 2012

Lungenheilstätte, Eingang von Innen – 7. Juli 2012

Ich konnte mich jetzt natürlich in den Hintern beissen. Alles war dabei und am Mann, wie es so schön heisst: Leatherman, Lampe, IR-Fernbedienung, was zu Essen, Trinken, Rauchen, Ersatzakku. Nur das Stativ lag im anderen Auto. Also musste ich die Bilder im Gebäude mit hochgedrehter ISO-Zahl machen, was das Rauschen ab und an erklärt.

Lungenheilstätte, Erkerzimmer – 7. Juli 2012

Lungenheilstätte, Erkerzimmer – 7. Juli 2012

Keine Ahnung was für eine Funktion dieses Erkerzimmer im ersten Stock mal hatte, aber die Aussicht ist grandios. Ein paar Meter weiter sind die Überreste des Kinosaals zu bewundern. Ein paar wenige Stühle sind hier noch zu sehen, ein paar weitere habe ich in Keller gefunden. Der Kinosaal ist nebenbei bemerkt erst von den späteren Benutzern nach 1945 hier an Stelle der Kapelle eingebaut worden. Man war ja ein antikonfessioneller Staat!

Lungenheilstätte, Kinosaal – 7. Juli 2012

Lungenheilstätte, Kinosaal – 7. Juli 2012

Nach 1945 wurde der ursprüngliche Träger direkt enteignet. Für eine jährliche Nutzungsgebühr von 65. 000 Mark (der DDR) wurde der Betrieb vom Kreis Wernigerode dann weiterführt. Trotz der absoluten Grenznähe, es waren ja wie schon erwähnt nur wenige Schritte bis zum Grenzstreifen, konnte der normale Alltag bis 1967 weitergelebt werden. Dann kam aber über Nacht die Kündigung und für den normalen Arbeiter und Bauern war fortan Schluss mit Lungenkur in guter Harzer Höhenluft.

Lungenheilstätte, Treppenhaus – 7. Juli 2012

Lungenheilstätte, Treppenhaus – 7. Juli 2012

Ich könnte mir gut vorstellen, dass Miss Pivot in diesem Treppenhaus was morbid-erotisches zaubern könnte.

Gehen wir eine Etage höher. 1967 übernahm die Nationale Volksarmee das Sanatorium und von diesem Moment an war das Haus nicht mehr nur Lungensanatorium, Tuberkulose war auch in der DDR fast ausgerottet, sondern Rehabilitationsstätte für alle mögliche Krankheiten. Sogar Armeegeneral Hoffmann, damals schon Verteidigungsminister, erholte sich in den siebziger Jahren hier.

Lungenheilstätte, Waschecke – 7. Juli 2012

Lungenheilstätte, Waschecke – 7. Juli 2012

Im Obergeschoss kann man die Reste der Zimmer bewundern, in denen sich die Oberleutnants oder höherer Dienstgrad der Volksarmee erholen sollten. Einfacher Standard, der dem im damaligen Westen nachempfuden war; zumindest, was die Farben betraf. An fast jeder Zimmerdecke schaukelt noch der Rest einer Zimmerlampe, die ich im Original lieber nicht mehr gesehen hätte.

Lungenheilstätte, Deckenlampe – 7. Juli 2012

Lungenheilstätte, Deckenlampe – 7. Juli 2012

Das Schwesternzimmer auf der Etage sieht auch nicht besser aus. Also, ich vermute jetzt einfach, dass es das Schwesternzimer war. Vielleicht auch ein Aufenthaltsraum oder Clubzimmer.

 

Lungenheilstätte, Schwesternzimmer – 7. Juli 2012

Lungenheilstätte, Schwesternzimmer – 7. Juli 2012

Rauchen und der Genuß von Alkohol waren selbstverständlich von Beginn an bis zum Ende 1992 strengsten verboten!

Im Keller liegen dann unerwartet noch Kinostühle herum.

Lungenheilstätte, Kellerraum – 7. Juli 2012

Lungenheilstätte, Kellerraum – 7. Juli 2012

Nach zwei Stunden in der Grabeskälte wird es Zeit, wieder ans Tageslicht zu gehen. Der Wärmeschock ist hart. Der Fichtenduft ist nach der Moderluft im Gebäude Balsam.

Und das Stativ grinst mich vom Rücksitz her an ……

36h — Wernigerode

11 Apr

Chorprobenhalber diesmal. Das letzte Mal war ich am 18. Dezember 1989 hier. Es hat mir in manchen Teilen besser gefallen … Aber die Harzer auf der ehemaligen Ostseite geben sich mehr Mühe, als ihre Landsleute im Westen.

Trotzdem wurde ich im mittelpreisigen Hotel noch gefragt, ob ich ein Zimmer mit Dusche auf dem Flur oder im Zimmer haben wollte. Was geht denn hier ab?

Ein paar Gemeinplätze.

Freie Fahrt für den Quirl — Wernigerode, 11.April 2010

Es regenete übrigens die ganze Zeit. Blick vom Schloßberg, in der Mittagspause erklommen, auf die Altstadt.

Panorama der Altstadt — Wernigerode, 11. April 2010

Schloßgang mit Fallgatter — wieder enstanden in der Phase der Neubesinnung auf Rittertugenden und -architektur, gestaltet vom Schloßbaumeister Frühling während des erneuten Umbaus ca. 1880.

Fallgatter im Schloß — Wernigerode, 11. April 2010

Zurück, aus dem Gewirr der Altstadtgassen wirkt der palladinische Stil viel stärker, als direkt davor stehend …

Schloß Wernigerode aus der Altstadt gesehen — Wernigerode, 11. April 2010

Trotz der sorgfältig erfolgten Umkrempelung in ein touristisches Highlight finden sich in versteckten Gassen immer noch leicht stalinistisch angehauchte Überbleibsel der Vergangenheit.

Holzschitzerei über dem ehemaligen Kreisgesundheitsamt — Wernigerode, 11. April 2010

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