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Phosphatwerk

11 Mrz

Das Wetter ist grau, es wird Herbst, das Gemüt ist ebenso grau, diese Bilder haben keine Farben.

„Warum tust Du Dir das an“, werde ich gefragt, „das kann Deine Stimmung doch auch nicht heben?“

Doch, ein kleiner Spaziergang auf dieser Insel bläst mit dem Herbstwind auch trübe Gedanken aus dem Hirn. Das Bewußtein, hier völlig allein zu sein, umgeben von riesigen verfallenen Palästen, klärt den Kopf.

Im Phosphatwerk, Übersicht —22. September 2012

Im Phosphatwerk, Übersicht —22. September 2012

Das Werk liegt auf einer Insel. Man kann die Strassenbrücke entlang gehen und landet am Werkstor vor dem verschlossenem Haupteingang. Man kan hinterrücks über den Eisenbahnanschluß den schmalen Kanal überqueren und steht plötzlich mittendrin.

Im Phosphatwerk, Gebäudefront—22. September 2012

Im Phosphatwerk, Gebäudefront—22. September 2012

Die Anlage ist gewaltig, himmelstürmend. Der Bedarf an künstlichen Düngemitteln für die junge Republik war enorm, die Landwirtschaft hatte Forderungen und Bedarf. Dafür wurde diese Fabrik gebaut.

Im Phosphatwerk, zwei Türme – 22. September 2012

Im Phosphatwerk, zwei Türme – 22. September 2012

Hauptsächlich wurde hier Kieserit behandelt. Auszug aus der Wikipedia:  Kieserit ist ein sulfatischer Magnesium– und Schwefeldünger der K-S KALI GmbH mit 25 % wasserlöslichem Magnesiumoxid und 20 % wasserlöslichem Schwefel.

Im Phosphatwerk, Kieseritlager – 22. September 2012

Im Phosphatwerk, Kieseritlager – 22. September 2012

Es ist wie immer ein ziemlich brutaler Eindruck, der sich bei mir einbrennt. Diese unglaublich überdimensional grossen Gebäude und Werkstätten, die menschenleer vom Wind durchpfiffen ihren Ende entgegensehen. Und das völlige Unverständnis, dass man hiermit nichts mehr hätte anfangen können. Herrjeh, was habe ich in den letzten Jahren für verlassene Orte gesehen, an denen vielleicht noch Rettung für irgendwelche Projekte gewesen wäre …..

Im Phosphatwerk, Grosse Halle – 22. September 2012

Im Phosphatwerk, Grosse Halle – 22. September 2012

Obwohl ich ja (unter anderem) eine handfeste Ingenieurausbldung hinter mir habe, hilft mir mein Schiffbauerwissen bei der Betrachtung des Dachbodens im 7. Stockwerk auch nicht weiter, der Eindruck einer irgendwie missplazierten Kegelbahn drängt sich einem unwillkürlich auf.

Im Phosphatwerk, Kegelbahn– 22. September 2012

Im Phosphatwerk, Kegelbahn– 22. September 2012

Was dieses Areal von anderen unterscheidet, ist zum einen die Entfernung zur Zivilisation, was sich in der bemerkenswert geringen Anzahl von Graffittis widerspiegelt, zum anderen (durch ersteres bedingt) durch die Gegenwart von Artefakten, die noch einen Teil der Historie darstellen. Und seien es schnöde Sicherheitshinweise.

Im Phosphatwerk, Sicherheitshinweise – 22. September 2012

Im Phosphatwerk, Sicherheitshinweise – 22. September 2012

Der Himmel ist noch immer grau …. ein Blick zurück zeigt noch mal die kalte Schulter vom alten Kalkwerk.

Im Phosphatwerk, Halle – 22. September 2012

Im Phosphatwerk, Halle – 22. September 2012

 

Pilger, der du hierher kommest, lass alle Hoffnung fahren

10 Mrz

Nachtrag: Ein paar Tage nachdem ich dieses veröffentlicht hatte, ist bekannt geworden, dass bei den tiefen Temperaturen Mitte März 2013 zwei Obdachlose in diesen Gebäuden vermutlich erfroren sind. Das schockiert mich maßlos, ich habe von ihrer Existenz nichts geahnt oder gesehen und bin völlig ratlos und noch desillusionierter, als bevor.

 

Wenn man es nicht wüßte, wo man sich befindet, würde man es nicht glauben.

Strassenbahnen, Busse und S-Bahnen brausen rechts und links um einen her. Geschäfte, Tankstellen und Gebrauchtwagenhändler warten auf Kundschaft.

Und in all diesem brandenden Leben dieser tote Ort.

Berlin Nordost - 9. März 2013

Berlin Nordost – 9. März 2013

Tausende müssen hier gelebt haben. Wo sind sie? Es gibt keine Hinterlassenschaften. Alles ist kalt und grau. Die Fensterhöhlen sind fast alle leer. Der Wind pfeift durch die Gänge.

Berlin Nordost - 9. März 2013

Berlin Nordost – 9. März 2013

Ratten flitzen durch die gefluteten Keller. Die Gebäude sind restlos auch vom letzten Altmetallsammler ausgeplündert. Nur die Stromkabel aus Aluminium waren wohl keinem mehr was wert.

Berlin Nordost - 9. März 2013

Berlin Nordost – 9. März 2013

Es ist ein ganzer Wohnblock, fast eine Kleinstadt, der hier sein Leben aushaucht. Sein Alter hat noch nicht mal groß die dreissig überschritten, da war es schon wieder vorbei.

Berlin Nordost - 9. März 2013

Berlin Nordost – 9. März 2013

Das Sprichwort von der Natur, die sich alles zurückholt, trifft hier voll und ganz zu. Pionierpflanzen überwuchern nicht nur das Gelände sondern nisten sich auf Dachflächen und in den Räumen selber ein.

Berlin Nordost - 9. März 2013

Berlin Nordost – 9. März 2013

Der Fahstuhl in einem Gebäude hat seine letzte Fahrt zwischen die Stockwerke 2 und 3 angetreten. Die Türen sind aufgebogen, Gestänge und Stahlseilfetzen treten ans Tageslicht. Aus dem Schacht hört man hohl Wassertropfen auf den Boden aufklatschen.

Berlin Nordost - 9. März 2013

Berlin Nordost – 9. März 2013

Dieser Ort ist wirklich verloren. Das einzige Lebewesen, was es neben den Ratten hier noch aushält, sind Krähen. Plusterig und faul hocken sie auf Ästen, hüpfen schwerfällig zur Seite wenn der Eindringling ihnen hier zu nahe kommt und schwingen sich endlich mit rauhem Krächzen in die Luft.

Berlin Nordost - 13. März 2013

Berlin Nordost – 13. März 2013

Auf dem grossen Platz in der Mitte zwischen den Wohnblöcken ein mystischer Kreis aus alten Autoreifen. Fast schon wie eine Thingstätte oder der Ort für ein grosses Palaver.

Berlin Nordost - 9. März 2013

Berlin Nordost – 9. März 2013

Die ersten Schneeflocken fallen und schmelzen auf der Linse des Objektivs.

Zeit zu gehen.

Backwaren ….

10 Sep

Es ist nochmal richtig schönes Wetter dieses Wochenende. Nicht so eine endlos heisser Augusttag an dem man lieber im Schatten sitzt, sondern ein warmer Septembergruss, der sich richtig Mühe gibt, einen mit leichter Brise und einer goldenen Sonne das Herz erwärmt. Also ideal für einen kleinen Ausflug in den Norden.

Man fährt nicht weit von Berlin, eine Dreiviertelstunde vielleicht, läßt gerade mal den Berliner Ring hinter sich und landet in einem Gewerbegebiet, in dem sich alles das wiederfindet, was man in Gewerbegebieten vermutet: Steinmetze, Fensterbauer und dergleichen. Mittendrin allerdings steht die Bäckerei. Etwas verloren inzwischen, denn gebacken wird hier nicht mehr, seit über zwanzig Jahren.

Die Bäckerei, Hauptgebäude — 9. September 2012

Die Bäckerei, Hauptgebäude — 9. September 2012

Geocacher und ein paar Fotografen kennen diesen Platz, die sonst üblichen Vandalenhorden haben das Gelände noch nicht entdeckt. Glücklicherweise.

Etwas beklemmend ist die Atmosphäre schon, der Betrieb ist 1940 errichtet worden, in einer für die Zeit sehr typischen verniedlichenden und Gemütlichkeit assoziierenden Architektur. Hier mußten Gefangene in der nationalsozialistischen Diktatur Brote backen. Bis zu 40.000 Stück am Tag. Kommißbrote für andere Gefangene, Weizenbrote für das herrschende Volk, vulgo Militär. Das eigentliche Volk hatte damals nichts mehr zu fressen. Von hier aus wurden täglich fünfstellige Anzahlen von Backwaren bis in den Harz, ins Lager Dora Mittelbau bei Nordhausen verschickt. Kann man sich nicht vorstellen, von außen sieht der ganze Komplex eher wie eine mittelgrosse Villa aus.

Die Bäckerei, Umkleideraum — 9. September 2012

Die Bäckerei, Umkleideraum — 9. September 2012

Im Unkleideraum finden wir noch ein paar Schuhe ansonsten sind die Schränke leer.

Die Bäckerei, Sozialräume — 9. September 2012

Die Bäckerei, Sozialräume — 9. September 2012

Von den eigentlichen Erbauern beziehungsweise der Originalausstattung findet sich hier nicht mehr viel. Der neue Staat auf diesem Territorium musste seine Bürger, Arbeiter und Bauern ja auch mit Brot versorgen. Also wurde hier weitergebacken. im Erdgeschoss stehen die Überreste von gleich zwei Backstrassen.

Die Bäckerei, Backstrasse — 9. September 2012

Die Bäckerei, Backstrasse — 9. September 2012Die Bäckerei, Backstrasse — 9. September 2012

Ski turnte nebenan rum und konnte entfesselt blitzen, ich hatte nur das Stativ dabei, etwas mehr Licht, als von draussen kam, wäre für die Bilder vielleicht auch besser gewesen, aber das machen wir beim nächsten Besuch ….

An der Backstrasse war noch relativ viel dran (soweit ich das beurteilen kann), jedenfalls die Schildchen für die diversen Hebel. Ich kann mir diesen Prozess ohnehin nicht wirklich genau vorstellen. Hinten schob man die rohen Teiglinge, die ja heute nachgewisenermassen auch China kommen, rein und vorne kommt das fertige Brot raus. Leider muss man zwischendurch immer mal wieder irgendwelche Hebel für Wrasenabzug und Schwadenbildung bewegen. Hä?

Die Bäckerei, Detail Backstrasse — 9. September 2012

Die Bäckerei, Detail Backstrasse — 9. September 2012

Etwas konventioneller (oder bekannter) sah der Ofen gegenüber aus. Hier lagen sogar noch Komißbrotformen herum. das Ofenthermometer zeigte sogar die aktuelle Temperatur im Inneren an 😉

Die Bäckerei, Detail Backofen — 9. September 2012

Die Bäckerei, Detail Backofen — 9. September 2012

Wir gehen eine Etage höher. Das Treppenhaus hat definitiv bessere Zeiten gesehen. Aber immerhin: Auch hier keine Graffittis.

Bäckerei-Die Bäckerei, Treppenhaus — 9. September 2012

Bäckerei-Die Bäckerei, Treppenhaus — 9. September 2012

Der Zweck des Dachbodens ist nicht wirklich ersichtlich, aber die Stimmung mit der offenen Luke, durch die das warme Spätsommerlicht in den dunklen Raum einströmt, ist faszinierend.

Die Bäckerei, Dachboden— 9. September 2012

Die Bäckerei, Dachboden— 9. September 2012

Gegenüber liegen vermutlich sicherheitshalber auf Vorrat besorgte Biberschwänze, um im Reparaturfall was fürs Dach zu haben. Auch hier zeigt sich im Detail ein Stück der Mangelwirtschaft der DDR. Diese quasi Ersatzteile sind nämlich nicht aus Ton, wie das, was im Original auf dem Dach liegt, sondern aus schnödem Beton.

Die Bäckerei, Dachziegellager— 9. September 2012

Die Bäckerei, Dachziegellager— 9. September 2012

Die höchste Ebene des Gebäudes ist der Sackboden. Bis hierher führt ein Aufzug, der die Mehlsäcke anlandet. Das ist der schönste aber auch gefährlichste Raum, weil einem hier hier keine Geländer oder irgendetwas ähnliches  vor dem Sturz in die Tiefe bewahren, aber hier dafür beste Bild mit der Weite des Raumes (Entschuldigung Herr Huberty) entstanden ist.

Die Bäckerei, Sackboden — 9. September 2012

Die Bäckerei, Sackboden — 9. September 2012

Ski und ich kennen uns schon lange. Wir wissen, was man dann, wenn man wieder am Auto ist, zelebriert: Einen Carajillo. Zugegeben in der Reiseversion, weil es doch sehr lästig wäre, eine ausgewachsene Espressomaschine mit sich rumzuschleppen.

2 Stück brauner Rohrzucker, einen Spritzer Veterano und frisch aufgebrühten Kaffee aus der (italienischen) Mokkamaschine – im Glas serviert!

Carajillo

Carajillo

Cheers!

In der verbotenen Stadt

28 Aug

Die verbotene Stadt, die hier gemeint ist, liegt nicht irgendwo in China. Sie liegt am Berliner Stadtrand. Sie war 50 Jahre verbotene Stadt und ist es zum großen Teil heute auch noch.

Wenn man auf der Bundesstrasse mitten durch den Ort fährt, ahnt man kaum, dass hier zu Zeiten des kalten Krieges 70.000 sowjetische Soldaten stationiert waren. Soldaten, die hier Schulen, Kindergärten, Friseure und Bäcker brauchten. Zumindest die Offiziere, von denen es hier einen ganzen Haufen gab.

EIn Teil der Stadt ist heute wieder normal. Es leben hier Hinz und Kunz, es gibt großzügige Rasenflächen, die Bedürfnisse der Menschen werden gedeckt, in den einen oder anderen Teil kommen sogar Touristen. Es ist ausgeschildert.

Aber nicht alles. Das Zentrum der Macht ist nach wie vor von hohen Mauern und Zäunen umgeben. Dahinter schläft alles …..

In der verbotenen Stadt, Fensterladen – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Fensterladen – 20. Juli 2012

Alles wuchert. Auf den nur noch schwer erkennbaren Wegen fühlt man sich im Juni wie in der grünen Hölle Südamerikas. Ganze Flachbauten verschwinden unter Hopfen, Giersch und Knöterich. Nach ein paar Reihen Nebengebäude öffnet sich die Sicht zum ersten Mal.

In der verbotenen Stadt, Stabsgebäude – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Stabsgebäude – 20. Juli 2012

Was immer wieder auffällt, ist, dass die Sowjetmacht zwar ihre gemeinen Soldaten zu jeweils hundert in einen Schlafsaal stopfte, sich aber die Körperertüchtigung großzügig einiges kosten ließ. Die Turnhalle hinter diesen Umkleideräumen ist leider schon eingestürzt …

In der verbotenen Stadt, Umkleideraum – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Umkleideraum – 20. Juli 2012

Bei den Bedürfnissen der Körperpflege ließ dann die Begeisterung schon wieder nach. Allenthalben die Art von Toilette, die sich auch in Frankreich und Italien bis heute großer Beliebtheit erfreut.

In der verbotenen Stadt, Stehtoiletten – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Stehtoiletten – 20. Juli 2012

Irgendwann, wahrscheinlich gegen Ende der Stationierungszeit, müssen sich auch die Sitten etwas gelockert haben, auf den Dachböden der Unterkünfte finden sich diverse Hinterlassenschaften, die auf ungezügelte Feiern mit Vodka, Krimwein und fetten russischen Fischkonserven schliessen lassen. Geraucht wurde auch nicht zu knapp. Und was in den ebenfalls herumliegenden Briefen steht, kann ich mangels Sprachkenntnis leider nicht entziffern. Vielleicht die Bitte von den Lieben zu Hause, doch das eine oder andere Nützliche aus Deutschland mitzubringen?

In der verbotenen Stadt, Dachboden – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Dachboden – 20. Juli 2012

Auf dem Gelände ist ein Wachdienst unterwegs. Weil es so groß ist, fahren die Wächter natürlich mit dem Auto. Man hört den schon etwas betagten Kombi schon von weiter weg, weil seine Ventile klappern. Zudem sagt einem die Vegetation auf dem Weg vor einem, ob hier regelmässig ein Fahrzeug langfährt, oder nicht. Ich hab Verständnis dafür, dass hier jemand aufpaßt. Ich will die Situation, so wie sie ist festhalten, meine Bilder machen können und dann bin ich wieder weg. Ich nehm nix mit, ich mache nichts kaputt, ich scheue mich, eine Tür aufzumachen, die von Pflanzen fest umrankt ist. Und ich will auch nicht, dass andere hier ungestört ihren Vandalismustrieb ausleben können.

Trotzdem schlägt mein Herz jetzt schon etwas schneller. Da gibts schon was, auf das etwas besser aufgepaßt werden muss ….

In der verbotenen Stadt, Feuerwache – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Feuerwache – 20. Juli 2012

Die alte Feuerwache ist es nicht. Werfen wir einen Blick hinein. Es wimmelt nur so von Wahrheit. Die Wände sind, bevor sie tapeziert worden, allesamt mit alten Zeitungen vorgeklebt worden. Immerhin kann ich auch ohne tiefere Kenntnis der russischen Sprache erkenne, dass hier meistens die Правда (Prawda = Wahrheit) verwendet wurde.

In der verbotenen Stadt, Fensterladen – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Fensterladen – 20. Juli 2012

Wenn man nicht wüßte, dass man sich hier auf einem Kasernengelände befindet, könnte man schon eher annehmen, dass die Gebäude, an denen ich jetzt entlanglaufe zu einem mondänen Badeort gehören, etwa so, wie man es in Bad Driburg kennt.

In der verbotenen Stadt, Torbogen – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Torbogen – 20. Juli 2012

Noch eine Häuserecke weiter, wird mir dann schon klar, was hier noch zu bewachen ist. Vor mir steht in ungefähr sechsfacher Lebensgröße Wladimir Iljitsch Uljanow (Владимир Ильич Ульянов – genannt Lenin) und schaut grimmig auf das verlassene Areal und den Aufmarschplatz auf dem sich höchsten noch ein paar Wildschweine im Morgengrauen versammeln.

In der verbotenen Stadt, Владимир Ильич Ульянов – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Владимир Ильич Ульянов – 20. Juli 2012

Das Gebäude, vor dem er steht ist gewaltig. Es hat einen Uhrturm auf dem die Uhr um fünf Minuten vor Zwölf stehengeblieben ist. Mächtige Reste von Funkantennen ragen aus dem Gebäude. Ein später Kuckuck ruft, von der Bundesstrasse rauscht der Lärm. Lenin beeindruckt hier keinen mehr.

Ein paar Schritte weiter im Dickicht hat man wieder den Eindruck irgendwo in plötzlich einhundert Jahre in die Vergangenheit zurückgeworfen zu sein. Die Badekabinen, die hier am äußersten Rand des Geländes plötzlich auftauchen sind nicht von dieser Welt.

In der verbotenen Stadt, Umkleide am Schwimbad – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Umkleide am Schwimbad – 20. Juli 2012

Das Becken, das wahrhaftig olympische Ausmasse hat, ist leider für eine Abkühlung, die ich wahrhaftig nötig hätte, nicht mehr zu gebrauchen. Ich schwing mich über die Mauer, zerkratze mir noch die Arme an den Brombeeren und verlasse den Ort so lautlos, wie ich gekommen bin.

In der verbotenen Stadt, Schwimmbecken – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Schwimmbecken – 20. Juli 2012

Rhinstrassen-Blues

13 Jul

Rhinstrasse, Allee der Kosmonauten, es gibt wohl schönere Stellen im Berliner Stadtbild. Diese Gegend ist gewachsen, weil auch Ostberlin dringend Wohnraum schaffen mußte. Lichtenberg, Marzahn sind die Antworten aufs Märkische Viertel, die Stadtrandsiedlung oder dei von Christiane F. bekannte Gropiussatdt.

Im Gegensatz zu ihren Pendants im Westen ist die durchgängige Nutzung der Platten im Ostteil der Stadt aber nicht überall gegeben. Wie hier an der Rhinstrasse weiter oben ….

Rhinstrassen-Blues 3

Rhinstrassen-Blues – Rhinstrasse, Berlin Lichtenberg, 25. Juni 2012

 

Zwischen Gebrauchtwagenhändlern, Großhandelsmärkten, der Pyramide im Norden und dem Krankenhaus Elisabeth-Herzberge im Süden dämmert diese Platte vor sich hin.

 

Rhinstrassen-Blues - Rhinstrasse, Berlin Lichtenberg, 25. Juni 2012

Rhinstrassen-Blues – Rhinstrasse, Berlin Lichtenberg, 25. Juni 2012

 

Man baut, zweifelsohne. Vielleicht hat das Haus ja Glück und wird ein begehrtes Objekt, villeicht bleibt es aber auch als Ruine, so wie viele andere Platten. Die Zeit für WBS70 ist langsam abgelaufen.

 

Rhinstrassen-Blues - Rhinstrasse, Berlin Lichtenberg, 25. Juni 2012

Rhinstrassen-Blues – Rhinstrasse, Berlin Lichtenberg, 25. Juni 2012

 

 

Die ehemalige Volkspolizeikaserne am Blankenburger Pflasterweg

11 Jun

Wenn man auf einer beschaulichen Landpartie im Nordosten Berlins unterwegs ist, rechnet man zwischen den vielen angenehmen Anblicken die einem sich bieten nicht damit, mit den Relikten des Horrors konfrontiert zu werden.

Buch mit Schloßpark, Künstlerhof und Dorfkirche, Karow, weite Ausblicke ins Land, wogende Kornfelder und entspannte Golfspieler. Und dann Blankenburg; hinter seit fünfzehn gewachsenen Bäumen und Büschen lugen leere Fensterhöhlen hervor. Gut versteckt inzwischen, aber immer noch sichtbar.

Ehemalige VP-Kaserne in Blankenburg - 10. Juni 2012

Ehemalige VP-Kaserne in Blankenburg – 10. Juni 2012

Das Areal am Blankenburger Pflasterweg beherbergte mehrere Objekte. Zum einen ein Wohnheim für Studenten der Ingenieurschule (auch Bauernuniversität genannt), die auf der anderen Strassenseite gegenüber lag – nach der Wende FHTW, zum anderen einen Kasernenteil, der nur sporadisch und nicht in vollem Umfang von der Volkspolizei genutzt wurde. Optisch ist die Aufteilung an den Zaunresten noch deutlich zu erkennen, die Kaserne hatte einen Sichtschutz und im hinteren Teil genug Garagen,  um mindestens 50 Mannschaftswagen unterzubringen.

Ehemalige VP-Kaserne in Blankenburg - 10. Juni 2012

Ehemalige VP-Kaserne in Blankenburg – 10. Juni 2012

Es sind zwei Tatsachen, die diesen Standort nach der Wende bekannt gemacht haben. Zum einen ist die Kaserne als zusätzlicher „Zuführungspunkt“ bei den Demonstrationen am 7. Oktober 1989 benutzt worden, weil die Kapazitäten im Berliner Innenstadtbereich nicht mehr ausreichten.

Ein Teil der Häftlinge wurde ab 19 Uhr zur Entspannung der Situation in ein kurzfristig eingerichtetes Reserveobjekt der Volkspolizei in der Bereitschaftspolizeikaserne Blankenburger Pflasterweg im Nordosten Berlins verlegt. Die Menschen wurden beim Transport mit Sprüchen wie „Jetzt fahrn wir euch auf die Müllkippe!“ verängstigt, nach ihrem Eintreffen schikaniert oder geschlagen, mussten Kniebeugen machen, im Entengang durch die Gänge laufen, sich entkleiden, in Fliegerstellung (Anm.: Beine gespreizt, mit ausgebreiteten Armen an der Wand abgestützt) ausharren. [Zitat aus: Strafvollzug zwischen Wende und Wiedervereinigung: von Birger Dölling, Google Books]

Das war das letzte Aufbäumen der DDR, einen Monat später waren solche Einrichtungen ja mehr oder weniger hinfällig. Dennoch war die Tatsache, dass im Oktober 1989 ein solches Objekt quasi sofort zur Verfügung stand, kein Zufall. Der Kasernenkomplex war seit Anfang der achtziger Jahre als Internierunglager für verdächtige Subjekte im Hoheitsbereich der DDR vorgesehen. Die Einsatzbereitschaft musste innerhalb kürzester Zeit hergestellt werden können.

Ehemalige VP-Kaserne in Blankenburg - 10. Juni 2012

Ehemalige VP-Kaserne in Blankenburg – 10. Juni 2012

In der taz Nummer 3780 vom 12.8.92 erschien ein Artikel dazu, der im taz-Archiv leider nicht mehr auffindbar ist.

"Im Krisen- und Verteidigungsfall sollte das Wohnheim am Blankenburger  
Pflasterweg zum Internierungslager fuer rund tausend dem Regime suspekte  
Auslaender umfunktioniert werden. Das geht aus den Unterlagen des  
Ministeriums fuer Staatssicherheit (MfS) hervor, die vor kurzem in der  
Gauck-Behoerde gefunden wurden.

Die Geheime Kommandosache trug das Aktenzeichen F/1 267 592 und 
den Titel "Plan der Ueberfuehrung in den Verteidigungszustand - Bezirk Ber=
lin".  
Sechs Monate vor der Wende wurde das Papier am 5. April 1989 vom  
Vorsitzenden der Bezirkseinsatzleitung in Berlin, dem SED- Funktionaer  
Guenter Schabowski, abgezeichnet. Als Massnahme mit der Nummer 44 wird  
darin die "Herstellung der Aufnahmebereitschaft des Internierungslagers,  
Wohnheim Blankenburg" aufgefuehrt. Position 45 weist die Einrichtung von  
"Internierungs-Sammelstellen in den Stadtbezirken" aus.

[ ... ]

Als erstes galt es der Planung zufolge, eine funktionierende Verwaltung  
aus dem Boden zu stampfen. Block 1 und 2 des Arbeiterwohnheimes 
mussten 24 Stunden nach Befehlserteilung fuer die Internierung zur 
Verfuegung stehen, die uebrigen drei Tage spaeter.

Die Lagerinsassen sollten einer "Interniertenverwaltungsorganisation"  
unterworfen werden. Einmal eingesperrt, sollten die Auslaender einen  
"Interniertenausschuss" waehlen. Stasi-erwuenscht war eine strenge  
Lagerhierarchie, an deren Spitze ein Lagerverantwortlicher mit  
Stellvertreter, mehrere "Sektionsverantwortliche" und ihnen  
untergeordneten "Blockverantwortliche" stehen sollten. Zudem - auf jedem  
Stockwerk der dreigeschossigen Plattenbauten noch je ein  
"Etagenverantwortlicher". Mit dieser Hierarchie sollte der "maximale  
Einsatz von Internierten zu Sicherstellungs- und anderen Arbeitsleistungen=
innerhalb des Internierungslager" gewaehrleistet werden.

Entsprechend den Planungen, die aller Wahrscheinlichkeit nach auch in den
anderen Bezirken der DDR durchgefuehrt wurden, waere das Lager unmittelbar
dem Polizeipraesidium in Berlin unterstellt worden. Mit einer Ausnahme,  
der sogenannten "Operativgruppe". Nach der "Entfaltung des  
Internierungslagers" waere diese direkt an die Befehlsstrukturen der  
Abteilung VII der Stasi-Bezirksverwaltung Berlin angegliedert worden.

Der komplette Artikel ist hier zu finden (Ende der Seite)

Ehemalige VP-Kaserne in Blankenburg - 10. Juni 2012

Ehemalige VP-Kaserne in Blankenburg – 10. Juni 2012

Das Internierungslager ist glücklicherweise nie Realität geworden, aber auch der normale Alltag läßt einem den Schauer über den Rücken laufen. Neben der 10. VP-Komanie (FDJ Grundorganisation Rudolf Tittelbach) war dort die zentrale Waffenwarkstatt des MdI stationiert. Gleichfalls befand sich dort ein Versorgungslager des PdVP.

Das Objekt unterstand dem Stellvertreter des Ministers für Versorgungsdienste (RD) im MdI. Im weiteren wurden im Objekt selber Einheiten der Zentralen Kräfte Schutzpolizei vorgehalten. Nach bisherigen Erkenntnissen wurden die Wachen durch die 19. VP-Bereitschaft Basdorf gestellt. (Informationen aus einem Forum)

Eigentlich noch ein beruhigendes Zeichen, dass diese Relikte der Diktatur inzwischen geplündert, gebrandschatzt und sich selbt überlassen sind, ein klein wenig mehr Mahnung dürfte aber gerade an solchen Orten noch sein.

Disclaimer: Ich habe die Links in diesem Beitrag auf diesen Artikel bezogen gesetzt, identifiziere mich aber nicht mit den restlichen Inhalten der angegebenen Seiten.

Hinterlassenschaften in Neukölln

5 Jun

Einhundert Jahre schon ist Neukölln in diesem Jahr Neukölln und nicht mehr Rixdorf (die Musike und so, Sie wissen schon). Zwischen der Umbenennung und heute hat es zwei Kriege und eine geteilte Stadt gegeben.

Während die offensichtlichen Narben, wie Einschußlöcher an Häuserwänden und Ruinen aus dem Stadtbild nahezu verschwunden sind, bleiben die unauffälligen Relikte an Ort und Stelle. Wie in der Weserstrasse. Wo sie wahrscheinlich heutzutage überhaupt nicht mehr auffallen, weil der Zeitbezug einfach fehlt.

Mannesmann Luftschutzgitter

Mannesmann Luftschutzgitter in der Weserstrasse in Neukölln – 5. Juni 2012

 

Das Gitter war so konstruiert,  dass es in einem Behälter innerhalb des Gitters in Wasser stand und somit einen Gaseintritt verhindern konnte. Etwa so wie ein heutiger Syphon an einem Wasch, oder Spülbecken.

 

Und Rixdorf?  – Geht man mit gesenktem Blick durch beispielsweise die Nansenstrasse, erblickt man hin und wieder einen kreisrunden Gußeisendeckel auf dem Gehweg, der mit „Canalisation von Rixdorf“ beschriftet ist. Eine Hinterlassenschaft, die mir wesentlich lieber ist ….

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