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Neues vom Abmahnmarkt

26 Jan

Zwei kleine Skurillitäten der letzten Woche zeigen die Bigotterie mit der sich Staat und Konzerne des Themas annehmen.

Da ist zum einen hadopi, die staatliche französiche Agentur, die Raubkopierer abmahnen und im Extremfall an die digitale Kette legen soll. Hadopi kam also auf einer Pressekonferenz mit einem schicken neuen Logo um die Ecke und alle Welt war begeistert. Bis auf den Schriftgestalter, der die Typo gebaut hatte. Die war nämlich auf dem freien Markt gar nicht erhältlich, weil es eine Corporate-Schrift war. Oooops, kleine Panne, bauen wir das Logo eben nochmal, sagte sich die verantwortliche Agentur und präsentierte das leicht veränderte Machwerk. Diesmal wurden die Schriften am Tag der Präsentation hektisch frühmorgen bei einer Foundry geordert. Da war das angeblich veränderte Logo aber auch schon zwei Monate alt ….

Hadopi-Logo

Daraus mag ein jeder ableiten, was er will. Die ganze Story im Fontblog.

Die andere Geschichte zeigt, dass Unternehmen nicht nur superschnell den Block mit den Abmahnungen zur Hand haben (das ist ja nun nichts wirklich Neues) sondern dabei auch ihr Gehirn ausschalten. Wie sonst ist es zu erklären, dass die Rechtsabteilung eines Telekommunikationsdienstleisters auf einfachen Zuruf Abmahnungen ins Land schickt, ohne auch nur mal eine Sekunde nach den Hintergründen zu fragen.

Dumm gelaufen bei der Firma KOMSA. Da wird ein Adblocker installiert, der statt Autowerbung und Parship-Anzeigen das eigenen Firmenlogo zeigt und die dummen Hühner aus der Buchhaltung oder dem Marketing kommen in Scharen zum Chef gerannt … „Ey Boss, da draussen benutzen tausende illegal unser Firmenlog, da muß man doch was machen …“

Hier die Hintergründe über die wahrscheinlich lächerlichste Abmahnung des Jahres ….

Von Schleppnetzjägern und Rasterfahnderinnen

30 Okt

Eva Schweitzer versteht die Welt nicht mehr. Die taz-Bloggerin läßt über ihren Anwalt Abmahnungen versenden und wundert sich, als sie plötzlich Gegenwind bekommt.

Was ist geschehen: Ein Blogger zitiert ein paar Sätze aus einen Zeit-Online-Artikel auf einem privaten Blog. Der Beitrag in der Zeit ist von Frau Schweitzer. Eine angeblich speziell von der Journalistin georderte Software fischt die paar Textzeilen aus dem Netz, der Urheber wird ausfindig gemacht. Zack. Post. 2155 Euro. Urheberrechtsverletzung.

Wir erinnern uns: Das war doch noch garnicht solange her, dass da was mit Abmahnungen war. Genau. Zwei Wochen früher kochte das Netz, weil Jack Wolfskin mit Abmahnungen um sich warf. Wegen einer Kleinigkeit, die sicherlich noch nichtiger war.

Es stellt sich natürlich schon wieder die Frage, ob das jetzt wirklich dem Schutz eigener Kreationen gedient hat, oder schnöder Selbstzweck, vulgo Geschäftsmodell ist. Immerhin muss Frau Schweitzer ja im extrem teuren New York ein Appartement finanzieren, und die Zeitungen zahlen ja auch noch so schlecht heutzutage. Da muss die Kohle eben irgendwie anders reinkommen. Verstehe.

Jetzt jammert Frau Schweitzer auch noch im taz-Blog herum … dabei stellte ich fest, dass eine Tageszeitung einen Artikel von mir, für den sie ungefähr 80 Euro bezahlt hat, an sage und schreibe 15 andere Zeitungen verkauft hat, ohne mir Bescheid zu sagen…, spannt ihren Bizeps … Obwohl ich bloß eine Frau bin, habe ich nicht automatisch Respekt vor Männern, bloß weil sie Java Script von Latte Americano unterscheiden können …, redet von gewissen Jonnys und hat das Internet immer noch nicht verstanden.

Leider ist die sehr genüssliche Auseinandersetzung von ebendem gewissen Jonny (Häusler) mit Frau Schweitzers Beitrag nicht mehr verfügbar. Was sicherlich auch daran liegt, dass die Abmahnung inzwischen zurückgenommen wurde.

Ob Frau Schweizer bedauert? Vielleicht den Verlust des Gegenwerts von drei oder vier Business-Class-Tickets. Ob sie versteht? Wahrscheinlich nicht. Ob sie daraus lernt? Man lese ihre Kommentare im inzwischen freigeschalteten taz-Blog und stelle fest, dass ihr der Apple-Reparaturservice in Berlin, der ihr eine Y-Taste durch eine Z-Taste ersetzt, wichtiger ist.

Wußten sie, dass mindestens 25% aller Abmahnungen, völlig unabhängig von der Tatsache, ob sie gerechtfertigt sind, oder nicht, sofort bezahlt werden?

Update 1

Wow, Frau Schweitzer hat eine neue Geschäftsidee, ... da wollte ich schon Philipp vom Haken lassen, und jetzt schreiben mir seine Freunde dauernd emails …

Und jetzt hätte sie gerne 10 Euro von Philipp für jede Mail, die da irgendjemand an sie schreibt. Clever, clever kleine Eva.

Update 2

Ich habs ja geahnt, der meistbegehrte Preis des Universums ist im Laufe des frühen Abends der gnädigen Frau Doktor verliehen worden: Die nette reinweiße Porzellanschüssel des Herrn Kantel. Herzlichen Glückwunsch.

Man nehme …

23 Okt

… einen Kamin mit ordentlich loderndem Feuer, einen CEO (früher hieß das Vorsitzender der Geschäftsführung)  mit grauen Haaren und vielen Rucksackmeilen auf dem Platin-Konto, dazu Roland Kühl-von-Puttkammer, bei dem ich immer noch sinniere, ob er nicht mal mit meiner Schwester in die Schule gegangen ist …

Kühle Getränke, Fingerfood, entspannte Atmosphäre, „wie gehts denn so?, Familie okay?“

„Hidden Agenda“ säuselt RKvP, „you know!“

„Oh, that´s allright, ich bin etwas jetlaggig …, aber Schuld hat ja die dumme Schwangerschaftsvertretung, diese .. Tanja-Anja, von dieser kleinen Agentur am Rande der Stadt, Du weißt … die immer diese Superknaller macht“

Thoms Knüwer, bitte übernehmen!

Nachtrag: Was ist der schönste Klang, den eine Klarinette hervorbringt? ….. wenn sie leise knisternd im Feuer verbrennt!

JW die zweite

21 Okt

Passive Erfahrungen im Bashing hab ich genug, mit der Wortmeldung zu der JW-Abmahnstory habe ich mich eigentlich zum ersten Mal aktiv zu Wort gemeldet. Gab immerhin Bewegung auf meiner Seite.

Persönliches Fazit: Ich besitze nichts von JW, beurteile vor dem Kauf eher den Gebrauchswert als den Chic-Faktor, wobei ich damit nicht behaupten will, dass keine Klamotten von angesagten Labels bei mir im Schrank hängen.

Die Erfahrung zeigt, dass es immer vier Phasen in solch einem Prozess gibt: Empörung, Start der Kampagne durch die sozialen Medien, Übernahme durch den Rest der Medienwelt inklusive Print und TV, Handeln der Betroffenen, Fokussierung auf neue Themen.

Jetzt ist die Zeit zwischen Phase drei und vier. Die Schlachtschiffe hatten es im digitalen Programm, morgen kommt eine andere Neuigkeit, die Beteiligten setzen sich ans Kaminfeuer, beurteilen den Kollateralschaden und machen weiter, fast wie zuvor.

Das Problem bleibt bestehen, unter dem Tisch gibt es eventull eine Einigkeit mit Schweigegebot und die winzige Delle, die das Thema im Weihnachtsabsatz hinterläßt  — egal.

Ich bezweifle, dass es hier anders zugehen wird. Das Werbeblogger-Team (in Person von Ralf Schwarz) triff sich nächsten Montag mit CEO Hell, um die Ereignisse der Vergangenheit zu … na ja, was eigentlich? Diskutieren, als erledigt zu betrachten, abzuwägen, rückgängig zu machen?

Im Zusammenhang mit der ganzen Diskussion sind zwei Schlagworte gefallen, die vielleicht noch mal etwas näher beleuchtet werden sollten:

CSR: Corporate Social Responsibility

Das endet weder vor der eigenen Haustür, wo ohnehin nur ein Bruchteil der verkauften Ware produziert wird, noch im Umgang mit jedwedem Kunden oder jeder Person, die mit dem Unternehmen in Kontakt kommt. Das inkludiert natürlich auch Personen, mit denen unangenehme Themen zu diskutieren sind. Schuldner, 2nd-TIER (um mal aus dem Automotive zu plaudern), Leute, die gekündigt werden müssen, Leute die gegen wasauchimmer für Eigentumsrechte verstossen haben.

In diesem Zusammenhang wird in der Pressemitteilung erwähnt, dass sich das Unternehmen zusammen mit ihrem Rechtsanwälten eindeutig von der Verletzung der Schutzrechte JWs überzeugt hätten.

Zitat:
Die einzelnen Fälle wurden von Jack Wolfskin in enger Zusammenarbeit mit
Rechtsanwälten eingehend geprüft. Daraufhin wurden nur die Anbieter abgemahnt, deren Produkte die
Markenrechte von Jack Wolfskin auch wirklich verletzen.

Zitat Ende

Da bleibt die Frage, ob ein Unternehmen zusammen mit einem (seine Interessen vertretenden) Anwalt alleine festellen kann, ob hier wirklich seine ureigenen Interessen verletzt werden. Diese Feststellung sollte meiner Meinung nach ein ordentliches Gericht treffen. Gerade bei der dynamischen Auslegbarkeit des Streitgegenstands. Leider (und dieser Gesamtkomplex Kosten, Anwälte, Gerichte ist nicht meine Spezialisierung) dürfte anhand des Streitwerts kaum eine der Beteiligten in der Lage sein, das Thema bis zum Ende durchzufechten.

Schade.

Eine Solidarisierungskampagne … Mhmm, denken wir doch mal an Jako oder noch viel schlimmer an Jens Weinreich vs. DFB, was war das Ergebnis? Schwanzeinziehen und das Geld der Solidargemeinschaft dahingeben. Weinreich hat auf eine weitere Instanz verzichtet und den Rest der Spenden weitergespendet. Also entweder soviel Asche spenden, dass eine der beteiligten Dawanda-Opfer das durchziehen kann, oder aufhören. In drei Wochen ist dann der nächste dran. Das Netz kann auch vergessen!

Märchen

Kleiner, durchaus positiver Nebeneffekt dieser Angelegenheit ist die Kreativität, die hier hervorsprießt, namentlich bei der freien Pfote, die unglücklicherweise irgendwie im Registrierungswahn noch unter einer Subdomain vor sich hinvegetieren muss. Man kann Realität durchaus in Märchenform in die Welt bringen, die Kollegen aus Hannover, uuups Göttingen, uuups ausser Landes, haben es damals ja auch geschafft.

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