Verfallende Industriekultur in Leipzig (1)

15 Mrz

Ich muss nach Leipzig. Man schickt mich dahin. Hat was mit moderner Industrie zu tun und ist für diese Geschichten hier auch nicht weiter wichtig.

Da schaue ich doch mal, wie sich das Notwendige mit dem Angenehmen verbinden läßt. Leipzig war bis zum zweiten Weltkrieg immerhin eine sehr grosse Industriestadt. Hinweise auf lohnende Ziele finden sich allerdings schon nicht mehr allzuviele. Etliches ist einfach weg, anderes inzwischen wieder mit horrenden Investitionen aufgebaut, aber einge Perlen finden sich dann doch noch. Zuerst geht es nach Gohlis.

In den ehemaligen Bleichert-Werken ist es schon sehr lange zwei Minuten nach zwölf.

Bleichert Werke Leipzig, Hof vor der Verwaltung - 2. März 2013

Bleichert Werke Leipzig, Hof vor der Verwaltung – 2. März 2013

Die Produktionshallen ziehen sich über mehrere hundert Meter parallel zu den S-Bahn Gleisen in Gohlis hin. Adolph Bleichert hatte sich vom kleinen Tüftler bis zum Weltmarktführer eines von ihm erfundenen Produkts entwickelt: Er baute Seilbahnen. Seilbahnen für Menschen und Waren. Bereits fünf Jahre nach Firmengründung erwarb Bleichert das Gelände hier in Gohlis (was damals noch mehr oder weniger Ackerland war) und baute den Standort nach und nach immer weiter aus.

Bleichert Werke Leipzig, Personenübergang - 2. März 2013

Man sieht die Überreste von wilhelminischer Industriekultur. Ganz späte Gründerzeit mit einem Hauch von Sachlichkeit. Modern sind auf jeden Fall die vielen Übergänge zwischen den Gebäuden, hat was venezianisches. Erinnert mich aber auch an den Zollfahnder Zaluskowski, der in Hamburg auf eben solchen Übergängen bei der Arbeit zu sehen war.

Bleichert Werke Leipzig, Verwaltungsgebäude - 2. März 2013

Bleichert Werke Leipzig, Verwaltungsgebäude – 2. März 2013

Bleichert lieferte in alle Welt, Amerikaner fertigten nach seinen Patenten und letztendlich arbeiteten mehrere tausend Mitarbeiter für ihn. Einige seiner Seilbahnen fahren fast unverändert bis heute. Zum Beispiel die auf dem Burgberg in Bad Harzburg, mit der ich selbst tatsächlich auch schon gefahren bin. Mit der Wirtschaftskrise ging aber auch Bleichert in den Konkurs. Die Familie war fortan nicht mehr am Werk beteiligt, eine Auffanggesellschaft übernahm den Betrieb (das war also auch schon vor der Schlecker-Pleite eine Möglichkeit dem völligen Aus vorzubeugen).

Bleichert Werke Leipzig, Produktionshallen - 2. märz 2013

Bleichert Werke Leipzig, Produktionshallen – 2. März 2013

Bleichert baute weiter Seilbahnen, Transportbahnen, Skilifte (die Sorte bei der man sich ein Brett zwischen die Beine klemmt, was dann später wieder automatisch wie bei einem Maßband zurückgezogen wird). Die Firma wuchs wieder auf über 3.000 Angestellte, baute zudem Seilbagger und erschloß weitere Standorte in Leipzig. Am Ende wurde sie in eine Aktiengesllschaft umgewandelt.

Bleichert Werke Leipzig, Personenübergang - 2. März 2013

Bleichert Werke Leipzig, Personenübergang – 2. März 2013

Der kleine Spaziergang heute ist anstrengend. Es taut. Die unglaublichen Massen von Schnee auf den Dächern suchen sich gurgelnd den Weg in die Tiefe, es plitscht und platscht überall. Dauern habe ich Tropfen im Genick und sonstwo. Zudem schleicht hier noch ein Irrer über das Gelände, der anscheinend Spaß daran hat dauernd Glas aus höchster Höhe in meiner unmittelbaren Nähe abzuwerfen.

Man sollte die Übergänge nicht mehr benutzen. Sie sind aus Eisen beziehungsweise Stahl und ihre Böden haben erhebliche Lücken.

Bleichert war, was die Technik betraf ein fortschrittlicher Mensch Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Verwaltungsgebäude ließ er bereits vor dem ersten Weltkrieg einen Paternoster der Firma Unruh & Liebig einbauen. Der Aufzug ist leider nach 1991 einem Brand zum Opfer gefallen, man kann die Anlage noch erahnen, leider aber wegen der verwinkelten Lage nicht richtig fotografieren. Dafür ist die Maschine noch erhalten. Der Aufzug ist bis zum Ende des VEB in Betrieb gewesen.

Bleichert Werke Leipzig, Maschine für Aufzug - 2. März 2013

Bleichert Werke Leipzig, Maschine für Aufzug – 2. März 2013

1945 wurden die Bleichert-Werke im Gegensatz zu vielen anderen Betrieben nicht demontiert und in die UDSSR verfrachtet, sondern wieder aufgebaut und zur Ankurbelung der Produktion in der DDR verwendet. Das Produktportfolio war vielfältig, neben den bewährten Seilbahnen standen unter anderem auch Elektrokarren (Eidechse) auf dem Programm, die man alsbald auf vielen Bahnhöfen bei der Gepäckbeförderung sah. Der westliche Absatzmarkt war weggebrochen, im Westen gründete sich ein Ableger, der den Namen Bleichert behielt, wohingegen in Leipzig aus der ehemaligen Sowjetischen Aktiengesellschaft der VEB Schwermaschinenbau Verlade- und Transportanlagen wurde.

Bleichert Werke Leipzig, Sanka-Garage - 2. März 2013

Bleichert Werke Leipzig, Sanka-Garage – 2. März 2013

Man sieht hier Spuren aus allen Betriebsperioden auf dem Areal. Hinterlassenschaften der jüngeren Vergangenheit sind der bröckelnde Betonputz über dem ursprünglich verwendetem Ziegel, die typischen DDR-Laternen und natürlich auch die Wortwahl. Sanka bedeutet Sanitätskraftwagen. Im Westen hätten wir Rettungswagen oder Krankenwagen bei der Garagenbeschriftung verwendet…

Was ist denn noch über von dem Werk, was schließlich Mitte der 80er Jahre dem Schwermaschinenkombinat TAKRAF zugeordent wurde? Na ja, zum Beispiel der Kran in der grossen Montagehalle aus eigenem Bestand sozusagen:

Bleichert Werke Leipzig, Montagekran - 2. März 2013

Bleichert Werke Leipzig, Montagekran – 2. März 2013

Sonst ist alles leer, zu lange schon, nämlich 22 Jahre ist hier kein Leben mehr im Betrieb. Die Sprayer, Vandalen, Souvenirjäger und Brandstifter haben schon fast ganze Arbeit geleistet.

Bleichert Werke Leipzig, leere Produktionshalle - 2- März 2013

Bleichert Werke Leipzig, leere Produktionshalle – 2- März 2013

Nein, hier wird nichts mehr draus. Keine schicken Lofts, keine Kulturfabrik, garnichts. Ich finde, die Welt darf solche Narben durchaus haben.

Etwas aufwärmen im Auto, ein belegtes Brot und etwas lauwarmer Kaffee aus der Thermoskanne und die Tour geht weiter. Einmal bitte durch die Innenstadt nach Plagwitz.

Und wie es da so war erzähle ich dann später

6 Antworten to “Verfallende Industriekultur in Leipzig (1)”

  1. Jarg 17. März 2013 um 13:46 #

    Eine beeindruckende Fotoreportage über ein Stück Industriekultur. War auch gerade in Leipzig und wäre gerne in einer der vielen Ruinen auf Entdeckungstour gegangen. Leider fehlte die Zeit ..

  2. arboretum 18. März 2013 um 09:57 #

    Sehr eindrucksvoll. Vielen Dank fürs Teilen.

  3. UK 21. März 2013 um 07:58 #

    Das schreit ja förmlich nach einer gepflegten Runde Geocaching.

    • rottenrails 21. März 2013 um 21:57 #

      feel free … ich denke, ca. 12 sind auf dem Gelände zu finden ….. but do it on your own!

Trackbacks/Pingbacks

  1. Der Wirtschaftsteil | GLS Bank-Blog: Geld ist für die Menschen da! - 21. März 2013

    […] zum Schluß noch ein Blick auf ziemlich alte Architektur, auf vergangene Größe, auf ein längst untergegangenes Unternehmen in Leipzig.  Der Fotograf und Autor des Textes nennt es eine Narbe in der Welt und es ist ja nicht […]

  2. Woanders – Der Wirtschaftsteil | Herzdamengeschichten - 6. Oktober 2013

    […] zum Schluß noch ein Blick auf ziemlich alte Architektur, auf vergangene Größe, auf ein längst untergegangenes Unternehmen in Leipzig.  Der Fotograf und Autor des Textes nennt es eine Narbe in der Welt und es ist ja nicht […]

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