Elbidyll – KKW Niedergörne

29 Aug

Der Katastrophenwinter 1978/1979 ist den meisten, die damals schon mindestens fünf oder sehchs Jahre alt waren und im Norden Deutschlands wohnten, noch in Erinnerung. In Ost und West war alles eingeschneit, erforen; Militär mußte hier und da mit Hubschraubern, Panzern, Pionieren dafür sorgen, dass das Leben irgendwie weiterging. Es wurde geboren, gemolken, gestorben und manche Leiche fand man erst im Frühjahr, als der Schnee endgültig geschmolzen war.

Die jüngste Vergangenheit hatte die Deutsche Demokratische Republik in mehrerer Hinsicht stark gebeutelt. Ein Energiversorgungskonzept, dass zu 90 Prozent auf heimischer Braunkohle basierte, war durch die Ereignisse dieses Winters stark in Frage gestellt. In den Tagebauen wurden mit Hilfe des Militärs und mit umgebauten Flugzeugturbinen aus veralteten MIG Düsenjägern die Untergründe aufgetaut. das war wirtschaftlich auf Dauer untragbar. Öl aus der allmächtigen Sowjetunion, was bis Mitte der Siebziger zum Spottpreis erhältlich war, war nach der Ölkrise auch für die Genossen des Warschauer Vertrages teuer. Die vermeintlich Kosten sparenden Umbauten der Dampflokomotiven auf Öl wurden sukzessive wieder rückgängig gemacht. Man verfeuerte wieder Braunkohle.

Dass die DDR hier energiepolitisch in der Zwickmühle saß, war ihr letztendlich selber bewußt. Die einzige Lösung, dauerhaft autark zu werden, war, sich Kernkraftanlagen zuzulegen, mit der Wismut in Aue saß man ja wenigstens an der Quelle des Urans. Eigenes Know-How gab es nicht, deswegen wandte man sich zu erst an den Westen (KKU – Kernkraft-Union), aus Kostengründen (und vermutlich auch, weil man bei Verträgen mit der Bundesrepublik gefährliche Abhängigkeiten fürchtete) ließ man sich dann dann von der UDSSR beraten.

Am Ende plante man ein Kernkraftwerk mit vier Blöcken zu jeweils 1.000 Megawatt. Das wäre zum damaligen Zeitpunkt das leistungsfähigste Kernkraftwerk auf deutschem Boden gewesen. Geplanter Termin um ans Netzt zu gehen: 1991.

Idyll an der Elbe, KKW Niedergörne – 11. August 2012

Idyll an der Elbe, KKW Niedergörne – 11. August 2012

Die Zeitläufte überholten das Projekt, als die Wende kam, übernahm die Treuhandanstalt zwischenzeitlich Kontrolle, weitegebaut wurde trotzdem, Siemens witterte das große Geschäft. Am Ende mußten anber alle Beteiligten einsehen, dass es Irrsinn war, vier Reaktorblöcke mit russischer Technik aus den siebziger Jahren an der Schwelle zum einundzwanzigsten Jahrhundert noch zu Ende bauen zu wollen.

Ergo begann man ungefähr 1993 mit dem Abriss.

Ein Wohnblock ist in zehn Minuten gesprengt, eine Fabrik kann man in vielleicht drei Monaten dem Erdboden gleichmachen. Sogar der Palast der Republik ist in relativ kommoder Zeit vom Erdboden verschwunden. Am Abriss dieser Kernkraftwerksruine ist man seit gut zwanzig Jahren beschäftigt.

Idyll an der Elbe, KKW Niedergörne – 11. August 2012

Idyll an der Elbe, KKW Niedergörne – 11. August 2012

Immerhin ist dieses Kraftwerk nie so weit gewesen, dass auch nur ein einziges Gramm radioaktives Material hier angelandet wurde, aber die in zehn Jahren entstandene Substanz scheint doch schwerer aus der Welt zu schaffen zu sein, als man sich das als Normalbürger vorstellt. Jedenfalls sind von der Reaktorhüle vom Block zwei noch einige Teile zu beseitigen, auf dem Gelände tackern rund um die Uhr, auch am Wochenende die Presslufthämmer, die an riesigen Baggern montiert sind. Ein intensiverer Besuch des Geländes ist nicht anzuraten, unfreundliche schwarzgekleidete Herren mit Bizepsumfang etwa eines Abwasserrohrs legen dem Besucher schnell nahe, dass Bilder höchsten von jenseits des Zaunes erwünscht sind.
Eine ungefähre Idee, von der schieren Größe der Anlage erhält man gut, wenn man sich mal die Darstellung von Google Maps ansieht. Die kreisrunden Hinterlassenschaften im nordöstlichen Bereich sind Spuren der Kühltürme.

Was noch steht, ist neben dem letzten Reaktorblock die Dieselmaschinenhalle und ein Teil der Kontrollgebäude in dem vermutlich die Gesamtsteuerung der Anlage untergebracht worden wäre.

Idyll an der Elbe, KKW Niedergörne – 11. August 2012

Idyll an der Elbe, KKW Niedergörne – 11. August 2012

Was bleibt nach dieser knappen Stunde am Elbufer? Trotz allen Wissens ein ungutes Gefühl, was auch mit den dreissig Grad im Schatten, dem anrollenden Gewitter zu tun haben mag. Aber auch die Menschleere und die Abgeschiedenheit gepaart mit den immer noch unheimlich riesigen Ruinen und dem tief im Inneren verankerten Wissen, dass man eigentlich nicht hier sein sollte, lassen einen dann doch etwas frösteln.
Das Auto glüht, die paar Minuten, die es mit offenen Türen, Klappen, Schiebedach etwas abkühlt, werfe ich noch einen Blick auf die immerhin fertiggestellte Verwaltungszentrale. Alles tot und verlassen. Hier ist auch nichts mehr. Die Papierfabrik ein paar Meter weiter scheint ohne Personal auszukommen. in der ganzen Zeit, die ich hier auf dem Gelände verbringe, ist einmal ein Auto die Landstrasse entlang gefahren. Zeit zu gehen.

Idyll an der Elbe, KKW Niedergörne – 11. August 2012

Idyll an der Elbe, KKW Niedergörne – 11. August 2012

Dieses (hier unbeschreibliche Worte einfügen) Objektiv werde ich jetzt auf den Müll werfen … es kostet mich mehr Zeit, in Photoshop die stürzenden Linien und Verzerrungen wieder rauszurechnen, wobei immer noch krumme Geraden herauskommen, als mal einen Monat vielleicht nicht zu tanken oder rauchen …

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2 Antworten to “Elbidyll – KKW Niedergörne”

  1. ralph 6. November 2012 um 12:54 #

    Hallo,

    es muss KKW Stendal heissen. Wer die wechselvolle Geschichte nachlesen will:

    http://www.ycdt.de/kkw-stendal/geschichte.htm

    mfg ralph

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