In der verbotenen Stadt

28 Aug

Die verbotene Stadt, die hier gemeint ist, liegt nicht irgendwo in China. Sie liegt am Berliner Stadtrand. Sie war 50 Jahre verbotene Stadt und ist es zum großen Teil heute auch noch.

Wenn man auf der Bundesstrasse mitten durch den Ort fährt, ahnt man kaum, dass hier zu Zeiten des kalten Krieges 70.000 sowjetische Soldaten stationiert waren. Soldaten, die hier Schulen, Kindergärten, Friseure und Bäcker brauchten. Zumindest die Offiziere, von denen es hier einen ganzen Haufen gab.

EIn Teil der Stadt ist heute wieder normal. Es leben hier Hinz und Kunz, es gibt großzügige Rasenflächen, die Bedürfnisse der Menschen werden gedeckt, in den einen oder anderen Teil kommen sogar Touristen. Es ist ausgeschildert.

Aber nicht alles. Das Zentrum der Macht ist nach wie vor von hohen Mauern und Zäunen umgeben. Dahinter schläft alles …..

In der verbotenen Stadt, Fensterladen – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Fensterladen – 20. Juli 2012

Alles wuchert. Auf den nur noch schwer erkennbaren Wegen fühlt man sich im Juni wie in der grünen Hölle Südamerikas. Ganze Flachbauten verschwinden unter Hopfen, Giersch und Knöterich. Nach ein paar Reihen Nebengebäude öffnet sich die Sicht zum ersten Mal.

In der verbotenen Stadt, Stabsgebäude – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Stabsgebäude – 20. Juli 2012

Was immer wieder auffällt, ist, dass die Sowjetmacht zwar ihre gemeinen Soldaten zu jeweils hundert in einen Schlafsaal stopfte, sich aber die Körperertüchtigung großzügig einiges kosten ließ. Die Turnhalle hinter diesen Umkleideräumen ist leider schon eingestürzt …

In der verbotenen Stadt, Umkleideraum – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Umkleideraum – 20. Juli 2012

Bei den Bedürfnissen der Körperpflege ließ dann die Begeisterung schon wieder nach. Allenthalben die Art von Toilette, die sich auch in Frankreich und Italien bis heute großer Beliebtheit erfreut.

In der verbotenen Stadt, Stehtoiletten – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Stehtoiletten – 20. Juli 2012

Irgendwann, wahrscheinlich gegen Ende der Stationierungszeit, müssen sich auch die Sitten etwas gelockert haben, auf den Dachböden der Unterkünfte finden sich diverse Hinterlassenschaften, die auf ungezügelte Feiern mit Vodka, Krimwein und fetten russischen Fischkonserven schliessen lassen. Geraucht wurde auch nicht zu knapp. Und was in den ebenfalls herumliegenden Briefen steht, kann ich mangels Sprachkenntnis leider nicht entziffern. Vielleicht die Bitte von den Lieben zu Hause, doch das eine oder andere Nützliche aus Deutschland mitzubringen?

In der verbotenen Stadt, Dachboden – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Dachboden – 20. Juli 2012

Auf dem Gelände ist ein Wachdienst unterwegs. Weil es so groß ist, fahren die Wächter natürlich mit dem Auto. Man hört den schon etwas betagten Kombi schon von weiter weg, weil seine Ventile klappern. Zudem sagt einem die Vegetation auf dem Weg vor einem, ob hier regelmässig ein Fahrzeug langfährt, oder nicht. Ich hab Verständnis dafür, dass hier jemand aufpaßt. Ich will die Situation, so wie sie ist festhalten, meine Bilder machen können und dann bin ich wieder weg. Ich nehm nix mit, ich mache nichts kaputt, ich scheue mich, eine Tür aufzumachen, die von Pflanzen fest umrankt ist. Und ich will auch nicht, dass andere hier ungestört ihren Vandalismustrieb ausleben können.

Trotzdem schlägt mein Herz jetzt schon etwas schneller. Da gibts schon was, auf das etwas besser aufgepaßt werden muss ….

In der verbotenen Stadt, Feuerwache – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Feuerwache – 20. Juli 2012

Die alte Feuerwache ist es nicht. Werfen wir einen Blick hinein. Es wimmelt nur so von Wahrheit. Die Wände sind, bevor sie tapeziert worden, allesamt mit alten Zeitungen vorgeklebt worden. Immerhin kann ich auch ohne tiefere Kenntnis der russischen Sprache erkenne, dass hier meistens die Правда (Prawda = Wahrheit) verwendet wurde.

In der verbotenen Stadt, Fensterladen – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Fensterladen – 20. Juli 2012

Wenn man nicht wüßte, dass man sich hier auf einem Kasernengelände befindet, könnte man schon eher annehmen, dass die Gebäude, an denen ich jetzt entlanglaufe zu einem mondänen Badeort gehören, etwa so, wie man es in Bad Driburg kennt.

In der verbotenen Stadt, Torbogen – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Torbogen – 20. Juli 2012

Noch eine Häuserecke weiter, wird mir dann schon klar, was hier noch zu bewachen ist. Vor mir steht in ungefähr sechsfacher Lebensgröße Wladimir Iljitsch Uljanow (Владимир Ильич Ульянов – genannt Lenin) und schaut grimmig auf das verlassene Areal und den Aufmarschplatz auf dem sich höchsten noch ein paar Wildschweine im Morgengrauen versammeln.

In der verbotenen Stadt, Владимир Ильич Ульянов – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Владимир Ильич Ульянов – 20. Juli 2012

Das Gebäude, vor dem er steht ist gewaltig. Es hat einen Uhrturm auf dem die Uhr um fünf Minuten vor Zwölf stehengeblieben ist. Mächtige Reste von Funkantennen ragen aus dem Gebäude. Ein später Kuckuck ruft, von der Bundesstrasse rauscht der Lärm. Lenin beeindruckt hier keinen mehr.

Ein paar Schritte weiter im Dickicht hat man wieder den Eindruck irgendwo in plötzlich einhundert Jahre in die Vergangenheit zurückgeworfen zu sein. Die Badekabinen, die hier am äußersten Rand des Geländes plötzlich auftauchen sind nicht von dieser Welt.

In der verbotenen Stadt, Umkleide am Schwimbad – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Umkleide am Schwimbad – 20. Juli 2012

Das Becken, das wahrhaftig olympische Ausmasse hat, ist leider für eine Abkühlung, die ich wahrhaftig nötig hätte, nicht mehr zu gebrauchen. Ich schwing mich über die Mauer, zerkratze mir noch die Arme an den Brombeeren und verlasse den Ort so lautlos, wie ich gekommen bin.

In der verbotenen Stadt, Schwimmbecken – 20. Juli 2012

In der verbotenen Stadt, Schwimmbecken – 20. Juli 2012

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5 Antworten to “In der verbotenen Stadt”

  1. lichtbildwerfer 29. August 2012 um 05:57 #

    Moinsen !

    Ja, wie fang ich an:

    Toller TEXT.
    EXTREMSTSTARKE Photo’s !

    H A M M E R ! ! !

    Bye, dein lichtbildwerfer

  2. hellboy2503 29. August 2012 um 07:31 #

    Sehr schöne und vor allem interessante Foto-Story, schön bebildert

  3. bin3saw 29. August 2012 um 19:28 #

    faszinierende fotos. ein echt schöner artikel. 🙂

  4. arboretum 18. März 2013 um 10:18 #

    Der Empfänger jenes Briefs hieß Wladimir S. Iwanow. Außerdem steht noch „Stadt“ darauf, den Rest kann ich leider nicht entziffern.

    • rottenrails 18. März 2013 um 20:26 #

      Den Brief an Wladimir Iljitsch Uljanow hätte er ja auch am Eingang abgeben können ….. 😉

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