Heeresbekleidungsanstalt Bernau

28 Mrz

Es ist ja immer wieder faszinierend, wie sich mitten unter uns plötzlich Areale auftun, in denen die Zeit stehengeblieben ist. Umgeben von Autobahnen, Gewerbegebieten und Reihenhäusern wohnt man Tür an Tür mit der Vergangenheit.

In Bernau ist das beispielsweise so. Das etliche Hektar umfassende Gelände der ehemaligen Heeresbekleidungsanstalt schmiegt sich im Südosten an den Ort. Kommt man von draussen auf das Gelände, ist man in einer anderen Welt.

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Gesamtansicht Hauptgebäude — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

1936 bis 1938 ist der Komplex als Heeresbekleidungsanstalt neu gebaut worden. Aufgabe dieser Institution war die logistische Versorgung der Armee mit Bekleidung. Dazu kammen weitere Dienstleistungen wie Reinigung, Anfertigung, Lagerung und bei der Dimension des Standortes auch alles was sonst zu einer Gebäudeanlage dieser Größe gehört: Heizung, Strom, Verpflegung, Unterkunft.

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Strasse zwischen den Gebäuden — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Die Gebäude sind verlassen. Bei näherem Hinsehen entdeckt man, dass hier nicht mehr die klassische Ziegelbauweise, wie sie gerade in Norddeutschland typisch war, verwendet wurde, sondern für damalige Zeiten hochmoderne Stahlbetonskelette erstellt wurden, die anschliessend nur noch mit Ziegeln verblendet wurden. Das erklärt auch den in vielen Teilen noch sehr guten Erhaltungszustand. An anderen Stellen sieht man, dass der Krieg die komplette Fertigstellung verhinderte.

Die 65.ooo Quadratmeter Nutzfläche wurden von der sowjetischen Bestzungsarmee von 1945 bis zum Abzug 1994 für ähnliche Zwecke genutzt. Hier wurde allerdings nach typischer Sowjetart (stationiert war hier das Garde Rotbanner Panzerregiment) mit den Kohlenwasserstoffen, die man zur chemischen Reinigung benötigte,mehr als sorglos umgegangen. Das Gelände ist immer noch in einigen Teilen stark kontaminiert.

Verbindungsbrücke zwischen den Gebäuden — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Dass dieses keine normales Militäranlage war, sieht man spätestens, wenn man die Arbeitssäle in Erdgeschoß in Augenschein nimmt. Hell, zweckbestimmt und großzügig. Zuerst dachten wir noch, dass wir hier die Kantine vor uns hätten, aber die Größe der Räume und unsere Erfahrung mit ähnlichen Gebäuden sprach dagegen.

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Arbeitssaal — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Die Nutzung durch die Rote Armee hat diverse Spuren hinterlassen, einmal im großen, sozusagen vaterländischen Stil hier:

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Wandgemälde in der Panzerkaserne — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Da ich überhaupt keine Ahnung von Militärsachen habe (außer ab zu in irgendwelchen alten Gebäuden herumzulaufen), habe ich mal Insider gefragt, ob das SS-20-Raketen wären. Das konnte mir nach diesem Bild keiner bestätigen.

Im Detail sieht man die russische Vergangenheit aber auch hinter den Tapeten. Die Wahrheit:

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Prawda, als Tapetenhintergrund — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Gewisse Skurrillitäten sind bekannt. So hat man die ursprünglich vorhandenen Wasserklosetts zugemauert und stattdesessen einfache Abtritte mit zwei Henkeln an der Wand, profilierten Stellen für die Schuhe und einem Loch im Boden installiert. Die Ein-Euro-Jobber, die Anfangs des Jahrtausends die Anlage aufräumen sollten, haben die alten Toliletten wieder freigelegt.

Die gefliesten Gänge wurden fast alle mit Ölfarbe überstrichen. Inzwischen ein absurder Anblick.

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Gang im Hauptgebäude — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Die russische Armee hat das Gelände nach ihren Bedürfnissen erweitert. Da hier ein Teil der Panzertruppen  stationiert wurde, mußte man für diese Einheiten die notwendige Infrastruktur schaffen. Im südlichen Teil des Geländes sind Garagen, Werkstätten und Rampen gebaut worden, um Fahrzeuge warten zu können. Eine öde Fläche tut sich vor einem auf.

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Weite Landschaft — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Im Instandsetzungsbereich wirds dann ernst. Der sehr selbst gemalte Totenkopf gemahnt an „tödliches Gift“.

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Giftschrank — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Jetzt wird es „tschernobylesk“. Die alte Tankstelle sieht aus, wie ein Gebäude aus der verbotenen Zone in der Ukraine. der Rest der Landschaft paßt dazu.

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Tankstelle — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Zum Abschluss ein der Werkhallen in der sich neben gebrauchten Kühlschränken von 2008 auch noch Holzkisten finden lassen, in denen mal automatische Unheilbringer verpackt waren. Diese Bilder spare ich mir hier.

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Werkstatthalle — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Fazit: Laut Berichten sind hier schon diverse Investoren gescheitert. Nach Berichten der Märkischen Oderzeitung aus dem Mai 2010 steht ein weiterer Interessent vor der Tür, der das Gelände zu einem Wohngebiet entwickeln will. Das Gebiet ist ebenso wie andere verlassene Objekte zu groß, zu kontaminiert und zu verfallen, wie Beelitz Heilstätten, Weissensee, Pankow Heinersdorf und andere von mir besuchte Locations zeigen, als dass hier noch was renditefähiges hinzustellen wäre.

Disclaimer: Dieses ist keine Einladung, das Gelände zu betreten. Ich bin auch weiterhin kein Militarist, auch wenn ich mir solche Plätze anschaue. Und es gibt auch weiterhin keine Gewähr, dass ich immer mitteile, wo ich jeweils Fotos mache.

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3 Antworten to “Heeresbekleidungsanstalt Bernau”

  1. Chris 29. März 2011 um 22:42 #

    deine Frage zu dem Raketentyp:

    http://de.wikipedia.org/wiki/SA-4_Ganef

    Ich hatte die Freude 18 Monate bei der NVA als Angehöriger einer Technischen Raketenbatterie der Truppenluftabwehr diese zusammenzubauen und schußfertig zu machen zu können.

  2. Ilse 21. Juli 2011 um 12:52 #

    boah das sind tolle Fotos. Ich würd’s kaufen.

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