Speicherstadt Potsdam

8 Apr

Speicherstadt Potsdam — Decke im Kasino der Fleischfabrik, 2. April 2010

Beim Wort Speicherstadt denkt jeder sofort an Hamburg. Alte Backsteingebäude an schmalen Fleeten. Malerische Mischung aus Lofts und Kaffeeduft, Tabaksäcken und New Economy.

Auch woanders gibts es Speicherstädte: Teerhof und Europahafen in Bremen beispielsweise und Potsdam.

Potsdam?

Auf 70.00 Quadratmetern, direkt am Havelufer ist in Potsdam seit 1683 ein Industrie- und Gewerbegebiet entstanden, das zeitweise zu den größten Europas zählte. Namhafte Architekten unter ihnen Karl Friedrich Schinkel bauten hier im historisierenden Stil Getreidespeicher und andere Gewerbebauten.

Speicherstadt Potsdam — Mehlmagazin (Persiusspeicher) von 1843, 2. April 2010

An einer Hauswand kann man noch den Schriftzug „Heeres-Proviant-Amt“ erahnen, auch das ein Überbleibsel preussischer Geschichte uf diesem Gelände.

Dann kam die Potsdamer Dampfmühle auf dieses Gelände. Sie wurde 1925 vom Getreidehändler Kurt Kampffmeyer gegründet, dem es gelang, sein Unternehmen mit Mühlen in Berlin, Jarmen, Hameln, Hamburg, Köln, Frankfurt, Celle und Kiel schnell auszudehnen. Dieser Konzern wurde schnell der größte Mühlenindustriebetrieb in Europa.

1945 war Schluß, Kampffmeyer wurde in Abwesenheit zu 4 Jahren Zuchhaus verurteilt, sein Mühlenbetrieb ging, wie alles andere auf diesem Gelände in Staatsbesitz über und wurde VEB. Im nördlichen Teil wurde ein Schlachthof in Betrieb genommen, die Reichsbahn hate umfangreiche Gleisanlagen auf dem Gelände.

1990 war erneut Schluß. Seitdem ist das Areal eine der großen Industriebrachen im Berliner Raum. Drei bis fünf Projektentwicklungsgesellschaften versuchen seit zehn Jahren das Gebiet zu entwickeln – mit mässigen Erfolg bislang. Was auch daran liegt, dass hier etliche Gebäude unter Denkmalschutz stehen ….

Speicherstadt Potsdam — links Mühlengebäude, rechts Speicher, 2. April 2010

Im Mühlengebäude, das außerdem noch einen Anleger mit Verlademöglichkeit an der Havel hatte, sind mehrfach Brandstiftungen begangen worden. Dabei ist der größte Teil der alten Technik verloren gegangen.

Speicherstadt Potsdam — Inneres des Mühlengebäudes, 2. April 2010

Im Gegensatz zum Kasino der Fleischfabrik (erstes Bild), das vermutlich gegen Ende der fünfziger Jahre entstand, zeigen die Reste des Kasinos der Mühle noch ein wenig mehr Stil. Man beachte das Firmenzeichen links auf der Tapete.

Speicherstadt Potsdam — Kasino der Mühlenbetriebe, 2. April 2010

Auf dem Gelände passiert das, was an allen Lost Places passiert: Sprayer, Vandalen, Brandstifter, Metalldiebe, Souvenirjäger — sie alle waren in den vergangenen 12 oder 13 Jahren hier und haben eine Wüste hinterlassen.

Speicherstadt Potsdam — Wartungshalle/Werkstatt, 2. April 2010

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Bei zwei Gebäuden ist immerhin erkennbar, das eine neue Nutzung auf diesem Gelände funktioniert. Der alte Schinkelspeicher ist inzwischen zum Wohnprojekt umgebaut und fertig.

Speicherstadt Potsdam — Renovierter Schinkelspeicher, 2. April 2010

Und im Persiusspeicher hat man alle Zwischenböden herausgesägt um … na ja, wahrscheinlich eine Eventlocation daraus zu bauen?

Speicherstadt Potsdam — Inneres des Persiusspeichers, 2. April 2010

Das alles hilft nicht darüber hinweg, dass man an den meisten Ecken des Geländes das Gefühlt hat, in der nächsten Sekunde einem Revolverhelden gegenüber zu treten.

Geisterstadt.

Speicherstadt Potsdam — Geisterstadt, 2. April 2010

Nachtrag: Hidden Places, Lost Areas, Urban Exploring ist ein Hobby von mir. In der Regel werden auch in einschlägigen Foren die genauen Standorte von Exkursionen nicht verraten. Dieses Gelände ist allerdings zu präsent dafür. Nichtsdestoweniger bedeutet die Tatsache, dass ich hier Fotos vom Gelände zeige, nicht, dass das Betreten legal wäre und stellt auch keine weitere Aufforderung dar, dieses nachzutun.

4 Antworten to “Speicherstadt Potsdam”

  1. Peter A.Baldauf 6. Oktober 2010 um 14:37 #

    Mit grossem Interesse habe ich Ihre Fotos und Kommentare über die ehemaligen Potsdamer Mühlenwerke in der Potsdamer Leipziger Strasse angesehen und gelesen.
    Ich bin im Jahr 1953 auf diesem Gelände, in der Leipziger Strasse 6 geboren worden und aufgewachsen. Ich bin mit diesem Gelände sehr verwurzelt, da bis 1997 meine Familie dort lebte.
    Destomehr hat mir das Herz geblutet, wenn ich dort hin fuhr und sah, was aus meinem „Kinderspielplatz“ geworden ist.
    Ich bin schon gespannt, wie das alles ein,mal aussehen wird wenn alle Bauarbeiten beendet sein werden.

    Auch ich habe einige Bilder von meinem ehemaligen zuHause gemacht.
    Bei Interesse: Youtube / bei Suche : PotsdamBaldi eingeben. dort finden Sie zu diesem Thema zwei Beiträge.

    • Johannes Wildhack 13. April 2011 um 12:03 #

      Sehr geehrter Herr Peter A.Baldauf,

      ich schreibe in diesem Semester meine Bachelorarbeit über die Potsdamer Speicherstadt und speziell über das Mühlengebäude. Dank Ihrem Link, konnte ich mir Ihre Bilder schon einmal angucken, meine Frage ist nun, ob es möglich wäre, mir die Bilder von der Speicherstadt per Email zu schicken.

      Falls sie von früher noch Lagepläne etc hätten würde ich diese sehr gerne, wenn es möglich ist, einsehen, fotografieren.

      Ich würde mich sehr über eine baldige Antwort von Ihnen freuen

      Mit freundlichen Gruß

      Johannes Wildhack

  2. Behrendt, Hans-Dieter 25. Juni 2013 um 21:47 #

    Ich bin durch Zufall auf diese Seite gestoßen. Dazu habe ich in myheimat.de eigene Beiträge reingestellt. Solche Motive beeindrucken mich immer wieder.
    Hat mir alles sehr gefallen.
    Hans-Dieter Behrendt

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