Bogensee

22 Mrz

Bogensee, antikes Sportgerät – 21. März 2010

Yes my Dear, Du dachtest, wir gehen ein wenig spazieren, an den See, wo der Hund sich mal so richtig austoben kann, mit den Enten um die Wette schwimmen, einem halben Festmeter Holz hinterherjagen und Markierungen setzen, wo vorher keine von ihm waren …

OK, das war das Beiwerk, das gabs sozusagen obendrauf, aber das, was sich hier im Wald bei Wandlitz, am Anfang der öden Schorfheide verbirgt, ist ein wenig mehr, als ein trübes mooriges Gewässer. ein Stück deutscher Geschichte, auch wenn nur ein Splitter.

„Mitten im Wald bei Wandlitz stoßen Spaziergänger auf die erstarrten
Hüllen einer vergangenen Zeit. Zwischen den Bäumen liegen die
ehemalige Jugendhochschule Wilhelm Pieck und das ehemalige
Landhaus von Joseph Goebbels am Bogensee. Die Fenster sind
dunkel, die Türen geschlossen. Alte Buchen rahmen das Gelände
ein, junge Birken bohren ihre Wurzeln in Treppen, Wege und das
Dach. Im Unterholz leben Wildschweine und Rehe“

Soweit der einleitende Text aus dem Buch „Rote Stühle“ der Grafikerin Jana Dimmey, die das Gelände anfangs gleichzeitig faszinierend und unheimlich fand, bis sie sich überwand und ein ganzes Buch daraus machte. Details dazu am Ende.

Bogensee, Ansicht Lektionsgebäude, Gästehäuser — 21. März 2010

Das Gebiet der Schorfheide hat Mächtige dieses Landes schon immer angezogen. Wildreich, abgelegen, aber der Hauptstadt doch nah, hat sich dieser Heidlandstrich im Laufe des 20. Jahrhunderts  als Experimetierfeld für alles mögliche, aber nicht als Erholungsgebiet für den normalen Bürger entwickelt.

Nicht allzuweit ließ sich der Reichsjägermeister Göring eine seiner Residenzen hinbauen. Von dieser ist ebensowenig übriggeblieben, wie von der zweiten, die er in der Rominter Heide errichten ließ. Im ähnlichen Stil sponsorten die UFA und die Stadt Berlin die Errichtung eines Landsitzes für den Reichspropagandaminister am Ufer des Bogensees, an dem vorher nur eine Holzhütte gestanden hatte.

Bogensee, Waldhof — 21. März 2010

Das Ensemble ist zumindest teilweise original erhalten, die Fenster des Wohnzimmers, die sich im Boden versenken lassen, entsprechen in der Ausführung denen, die der Luftwaffenminister bei sich hatte … Devotionalien findet man hier aber sicher nicht mehr. Zum Glück.

Soweit der Abriß der Ereignisse bis zum Ende der Naziherrschaft. Die russische Besatzung machte hier erst ein Lazarett auf, übergab dann das Gelände der Regierung der DDR, die hier – mitten im Wald – eine Hochschule hinbaute.

Bogensee, Westflügel des Lektionsgebäudes — 21- März 2010

Wer als normaler Spaziergänger hierherkommt, erschrickt erst einmal, über die Anzahl der Gebäude, die sich hier mitten im Wald plötzlich vor seinen Augen auftun. Es ist ja nicht nur mit einem Hörsaal getan, Studierende müüsen irgendwo schlafen, müssen essen, das Gelände muß mit Strom und Heizung versehen werden.

Das Kraftwerk, in der Form, wie es hier steht, ist recht neu, von 1984.

Bogensee, Kraftwerk — 21. März 2010

Vermutlich funktioniert das eine oder andere noch, der einzige verbliebene Techniker auf diesem Areal, Roberto Müller, hat sich aber um 120.000 Quadratmeter zu kümmern und mit der Technik aus den siebziger Jahren dürfte die Anlage heute sicher nicht mehr betrieben werden.

Bogensee, Tür am Kraftwerk — 21. März 2010

… deswegen sind auch Versuche, an der Tür des Kraftwerks zu klingeln, wahrscheinlich ergebnislos.

Der erste Teil der Hochschule ist von dem damaligen Stararchitekten Hermann Henselmann, dem Berlin ja unter anderem auch das Haus des Lehrers und das Frankfurter Tor verdankt, gezeichnet worden. Im damals üblichen Stil des sozialistischen Klassizismus.

Bogensee, Laterne, Detail am Lektionsgebäude — 21. März 2010

Aber – man weiß es wenn man mich kennt: Ich geh ja nicht unbedingt immer dahin, wo die Welt noch in Ordnung ist. Sondern dahin, wo sie bröckelt. Nämlich hier.

Bogensee, Zierbalkon am Lektionsgebäude — 21. März 2010

Das Gelände ist menschenleer. Die Gebäude sind verschlossen. Es ist kein Millimeter Graftitti zu sehen. Es ist so bedrückend, dass man sich fast an die Kehle faßt, weil im Film nämlich in der nächsten Sekunde das Monster um die Ecke biegt.

OK – unser Monster begnügt sich damit, den Springbrunnen auszuprobieren.

Bogensee, Hund im Brunnen — 21. März 2010

In den sechziger und siebziger Jahren wurden hier Sandinisten, Guerillas, westdeutsche Untergrundkämpfer und Mitglieder anderer sozialistischer Bruderstaaten in Ideologie und wahrscheinlich noch mehr ausgebildet, es waren immer rund 500 Studierende hier vor Ort.

Das Gelände umfaßt das Lektionsgebäude, die Mensa, die vier Gästehäuser (mit wohlklindenden Namen, wie „Reggio di Calabria“ oder „Wien“), eine kleine Plattensiedlung für die Mitarbeiter und Bediensteten, Sporthalle und -platz und diverse Nebengebäude, von denen heute nur noch eine Forstwirtschaft und eine Waldschule in Betrieb sind.

Bogensee, Lektionsgebäude — 21. März 2010

Alle Versuche, das gesamte Objekt dauerhaft in eine weitere Nutzung zu überführen, sind bislang gescheitert. Auch das Internationale Bildungszentrum hat hier nur knapp zehn Jahre ausgehalten. Die Altlasten der DDR sind einfach zu kostspielig für die heutige Zeit.

Im Gelände sind weit verstreut Skulpturen zu finden, über die nichts herauszufinden ist. Die einschlägige Literatur und Internetrecherchen geben dazu nichts her.

Bogensee, Skulpturengruppe DDR-Zeit — 21. März 2010

Bogensee, Skulpturengruppe DDR-Zeit — 21. März 2010

Diese Menage a Cinque zeigt zwei einander zugewandte Paare und einen nackten schmollenden Adonis …

Bogensee, Skupltur einer Vietnamesin, DDR-Zeit — 21. März 2010

Bei der Vietnamesin schwillt die Brust ….

Im inneren keimt der Gedanke an die Geschichte von Asterix und der Trabantenstadt, die irgendwann auch überwuchert von Eichen und Buchen irgendwo im gallischen Wald verfiel. Ein Ende wie Beelitz wünsche ich Bogensee aber dennoch nicht.

Wer mehr wissen will, mag in der Wikipedia nachsehen, hinfahren oder beides tun und das Buch von Jana Dimmey kaufen. Ich bin nicht verwandt oder verschwägert …

Jana Dimmey - rote Stühle

… und große Hunde, die kleine Frischlinge jagen wollen, kommen niemals in den Hundehimmel.

2 Antworten to “Bogensee”

  1. Torsten Schmidt 15. September 2012 um 13:38 #

    Interessierte schauen einfach auf unserer Homepage vorbei, oder besuchen uns bei Facebook. http://www.jugendhochschule. info

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  1. Bogensee | Stories & Places - 4. Februar 2013

    […] https://rottenrails.wordpress.com/2010/03/22/bogensee/ […]

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