Auf dem Friedhof der Neonröhren

16 Nov

Was passiert eigentlich mit Werbung, wenn sie nicht mehr gebraucht wird? Klar, Zeitungsbeileger, alles was am Samstag den Briefkasten verschmutzt, die Schweinebauchseiten, die wirft man eigentlich in den Papierkorb.

Etwas anders sieht es aus, wenn man von mannshohen Leuchtbuchstaben redet. Die landen im Schrott, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Hertie etwa. Gerade in die Pleite abgewickelt, sind sämtliche Insignien dieser Marke natürlich nichts mehr wert. Also weg damit, in drei Jahren wird sich keiner mehr daran erinnern.

Wenn da nicht die Truppe um Barbara Dechant und Anja Schulze vom Buchstabenmuseum wäre, die sich genau diesem Genre verschrieben hat. Sie sammeln Buchstaben und Schriftzüge von alten Lichtreklamen und anderen markanten typografischen Landmarken.

Buchstabenmuseum-Hertie

Hertie-Logo im buchstabenmuseum — irgendjemand hat am kleinen e geknabbert ...

Lange Zeit ist er einem förmlich entgegengekommen, wenn man die Leipziger Strasse Richtung Alex gefahren ist — der markante gelbe Schriftzug von Ebbinghaus, dort, wo die Strasse einen leichte Linkskurve machte. Eines Tages war er nicht mehr da. Weil das ganze Gebäude abgerissen wurde. Ebbinghaus war, nebenbei erwähnt, ebenso pleite, wie Hertie. Und wo sist die grosse Leuchtwerbung geblieben? Praktischerweise fast an Ort und Stelle, nur leider etwa derangiert.

Das Buchstabenmuseum in Berlin ist ein Ort an einem Unort. In der Leipziger Strasse 49, nur über einen Seitengang zu erreichen, in einem Stadtviertel, der mehr als tot ist, wo Axel Springer über die ehemalige Randbebauung der Hauptstadt der DDR lugt, liegen im Schaudepot typografische Schätze und warten auf eine Wiederbelebung.

Buchstabenmuseum-Ebbinghaus

Überblick Schauraum 1 im Buchstabenmuseum Berlin — Klick macht gross (6 MB)

Das Schaumuseum umfaßt nur zwei Räume in denen eine unglaubliche Vielfalt von Buchstaben und anderen schriftgestalterichen Schätzen. Aufgrund der technischen Vorgaben überwiegen zwar die Sans Serif-Schriften, aber auch das eine oder andere Beispiel aus der Fraktur liegt hier herum. Man muss sich einfach trotz der Enge die Zeit nehmen, um eine kleine Reise in die Vergangenheit zu machen. Die alte Beschriftung des Hauptbahnhofs von Berlin (heute Ostbahnhof) liegt neben der U-Bahn-Leuchtschrift vom Bahnhof Frankfurter Tor. Blaupunkt findet sich neben AEG und die berühmten Zierfische finden sich in illustrer Gesellschaft der gebrochenen Typo der Zille-Stuben.

Buchstabenmuseum-Sammelsurium

Buchstabenmuseum Berlin, Sammelsurium — Klick macht gross (6 MB)

Wer also an dem einen oder anderen Sonnabend Zeit hat, sollte ruhig mal eine Stunde Zeit einplanen, um bei den stummen Zeitzeugen der vergangenen Reklamewelt eine kleine Pause einzulegen.

Buchstabenmuseum — Detail

Es lohnt sich, den Blick ein wenig von der Gestaltung weg zur Technik zu machen, denn es ist fast Tand, das Gebilde von Menschenhand, das aus der Nähe betrachtet nichts von der Faszination zeigt, die bei Betrachtung aus der Ferne bei Dunkelheit wirkt.

Drähte, Kabel, filigrane selbstgebastelte Halteklammern, handgebogene Bleche und natürlich mundgeblasene Neonröhren. Das ist der Charme einer Zeit, die zusehends von LED-Leuchten abgelöst wird. LEDs sind leichter und billiger zu verarbeiten, verbrauchen weinger Strom und werden wahrscheinlich in absehbarer Zeit die letzten Neonreklamen ablösen.

Damit sind dann auch die Zeiten vorbei, in denen der Held aus B-Movies in Hotelzimmern vor flackernder oder gar funkensprühender Reklame posiert.

Buchstabenmuseum Berlin, wechselnde Öffnungszeiten, Details siehe Homepage

 

 

Nachtrag … die abgefressene Hertie-Schrift ist dem Stitcher von Photoshop zu verdanken, der aus den drei Einzelbildern etwas … sozusagen … unvorhergesehenes gezaubert hat.

Eine Antwort to “Auf dem Friedhof der Neonröhren”

  1. Willsagen 18. November 2009 um 14:28 #

    Zwei (bestimmte) Buchstaben einer alten Leuchtreklame weisen bei uns Gästen den Weg zu einem stillen Örtchen. Nicht zu übersehen, aber gleichzeitig sehr stilvoll beleuchtet.😉

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