Atlas der abgelegenen Inseln oder warum ich nie nach St. Kilda will

17 Okt

In einem jedem brodeln Leidenschaften, Steckenpferde, Interessen, Vorlieben, ungestillte Sehnsüchte und auch Neugierigkeiten, die man manchmal garnicht kannte. Wenn es Autoren, Filmemacher oder Musiker schaffen, alle geistigen Papillen anzuregen, dann haben wir hier ein Meisterwerk.

Ich weiß, was ich mag. Häfen, Wasser, Verfallenheit, unberührte Orte, Einsamkeit. Karten, Landkarten, den alten Diercke meines Großvaters oder die Seekarten bei uns zu Hause an der Wand, die Karten mit ich denen ich segeln lernte, die ungelenken Holzschnitte der ersten Neu-Amsterdam-Fahrer. Schottland, wo ich mal am fast letzten Nordwestzipfel am Korallenstrand auf Skye stand und noch weiter dachte, an das was da noch kommen könnte.Die Insel, auf die ich nie kam, und an der auch Konstatin gescheitert ist.

Judith Schalansky hat das Wunder vollbracht, mich sofort in den nächsten Buchladen laufen zu lassen, um diesen Atlas sofort zu kaufen.  Allein die Erwähnung von St. Kilda war es mir wert. Aber auch die anderen Inseln, die mir auf meinen leserischen Entdeckungsfahrten schon mit 14 oder 15 begegnet sind, tauchen hier wieder auf.

judith-schalansky

Judith Schalansky — © Petra Kossmann

Ich habe damals Thor Heyerdahl auf seinem wackligen Floß begleitet und mit ihm die Osterinsel erforscht, die Geschichte von Amelia Earhart, vollendet beschrieben von Jutta Rebmann miterlitten (da war ich aber schon etwas älter) oder natürlich Napoleon, den bemitleidenswerten, der ja auch einen Teil seines Lebens auf Inseln zubringen mußte, an alle Eilande begleitet.

Mit Martin Mosebach habe ich späterf die Bäreninsel erobert zusammen mit seinem Nebelfürsten und natürlich war ich dabei, als sich John Long Silver die (vielfach gesuchte und nie gefundene) Schatzinsel erhumpelte. Papillon ist von einer Insel mehrfach geflohen, auch das hat mir Nächte ohne Schlaf bereitet, natürlich ist diese Insel im Atlas allein ihrer Verruchtheit wegen vertreten.

Aber es gibt auch vom Wasser umschlungene Orte, die in diesem kleinen Kompendium keinen Eintrag haben. Taka-Tuka-Land fehlt ebenso wie Saltkrokan, Enid Blytons Insel der Abenteuer ist nicht vertreten, die Insel von Dr. Doolittle sucht man auch (wahrscheinlich aus Gründen der Unschärfe) vergeblich.

Macht nichts. Das wird ein anderes Buch. Das der Fantasieorte, die ja eigentlich auch mal vernünftig vermesen werden sollten.

St. Kilda allerdings bleibt für mich der Ort der unerfüllten Träume. Vielleicht ist es ja auch so gewollt, dass ich dort nie hinkomme, damit meine Vorstellungen so bleiben, wie sie sind. Die Insel hat ja nichts. Eine Dorfstrasse mit Post-Office, Store und sonst garnichts. Die Einwohner lebten vom Fischfang, Vogelfang und den paar Schafen, die es dort gab. Inzucht. Bei acht Dutzend Seelen über Jahrhunderte keine Frage der Moral mehr, es ging nicht anders. Das Festland war weit, Postboote kamen oder auch nicht. Die Notfallkommunikation erfolgte über eine Art Flaschenpost, bei der Holzstücke mit Schafsblasen am Schwimmen gehalten ins Meer geworfen wurden, in der Hoffnung, dass die Botschaften irgenwo auf den Hebriden an Land gefunden wurden. Was auch funktionierte. Zwar war St. Kilda im zweiten Weltkrieg ein Marineposten und das Militär ist auch heute noch der einzige Bewohner dieses Fleckens, aber der Bevölkerung war das Lebenauf der Insel leid, die Krankheiten und das Wissen um die Versuchungen der Neuzeit gaben ihr übriges und 1930 wurde die Bevölkerung auf eigenen Wunsch evakuiert. Seitdem ist die Insel leer, ein paar Soldaten, ein paar Vogelkundler, seit den Siebzigern auch Volunteers, die ein spezielles Programm durchlaufen, das sind alle Gäste der Insel. Wer heute hinfäht, mus übrigens seine Taschen vorher entleeren, damit er nicht versehentlich Kaugummipapier hinterläßt. St. Kilda war bis ins 20. Jahrhundert Clanbesitz. John Crichton-Stuart kaufte 1931 Reginald MacLeod die Inseln ab und vermachte sie in den fünfziger Jahren den National Trust.

St. Kilda, Main Street — Bild von Phillip Hughes

St. Kilda, Main Street — Bild von Phillip Hughes

Aber zurück zum Buch oder zum Atlas. Ein Blick auf die Aufmachung und die Details. Das Werk ist nicht groß. Nicht im Sinne der Handhabung. Unter einem Atlas denkt man sich ja sonst etwas kiloschweres, unhandliches, einen Gegenstand, den man nur in äußerster Not morgens in seinen Schulranzen packt. Die fünfzig Inseln kommen etwas bequemer daher. knapp A4 im Umfang und handlich. Die Liebe zum Detail kommt aus Judith Schalanskys Profession. Sie hat Büchermachen und Typografie gelernt. deswegen sind auch Text, Layout, Grafik und Druck aus einer Hand. Mit zugegebener Finesse. Ich habe dem PDF aus dem Netz zuerst nicht geglaubt und mir erst im Buchladen die Gewißheit besorgt, dass die Schattierungen der Höhenzüge tatsächlich Pixel sind. Die Schrift (Sirenne) ist piratesk, jeder hat sie schon auf Schatzkarten gesehen oder auf Landesvermessungskarten, etwas rauh in der Druckansicht mit den vermeintlich kleinen Ungenauigkeiten im Schnitt, die sich aber bei der Detailbetrachtung als perfekt gezeichnet heraustellen.

Raffiniert und gewollt, Pixel als Schattierung

Raffiniert und gewollt, Pixel als Schattierung

Verschenken. Mein Urteil. Aber erst selbst kaufen.

Was Amelia Earhart betrifft. Sie ist verschollen. Es gibt Verschwörungstheorien und romantische Gerüchte. Auf der Insel, auf der sie damals landen sollte, um Treibstoffzu fassen, die sie aber aufgrund nebliger Witterung niemals erreichte, gibt es seitdem eine Bake. Nach ihr benannt.

wo Amelia Erhart vermeintlich strandete — www.lib.utexas.edu

wo Amelia Erhart vermeintlich strandete — http://www.lib.utexas.edu

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2 Antworten to “Atlas der abgelegenen Inseln oder warum ich nie nach St. Kilda will”

  1. Barbara 15. November 2009 um 21:58 #

    Raul Schrott, Tristan da Cunha

    Schon gelesen? Tolles Buch.

    • rottenrails 15. November 2009 um 22:46 #

      steht neben der Kehlmannschen Vermessung im Regal 😉

      // rr

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