Kleinstadtbahnhof 1973

17 Sep

Bad Sachsa, gelegen an der Kurbuchsstrecke 357.

Typische Nebenstreckenidylle?. Nebenstrecke war ja damals auch wirklich richtig, nur noch ein Bahnhof kam in Richtung Osten, Walkenried, dann war für den Personenverkehr Ende.

In Bad Sachsa war 1973 wenig Hektik am Bahnhof. Die Züge kamen stündlich aus Northeim, Göttingen, Altenbeken, Ottbergen. Es gab gegen späten Nachmittag sogar einen Eilzug mit Kurswagen aus dem Ruhrgebiet (Duisburg). In der Regel kamen und fuhren hier die Kurgäste, von denen es Anfang der siebziger Jahre noch recht viele gab. Wenn man keine schwarze Taxe der Firma Witter mehr bekam, nahm man eben den Bus, der zu fast jedem Zug am Bahnhof stand und fuhr mit diesem die ca. drei Kilometer bis ins „Stadtzentrum“. Sonnabends und Sonntags waren viele Schüler aus dem Internat unter den Reisenden, der Bodensatz waren die Fahrschüler, die nach Osterode oder Herzberg zur Berufsschule oder zu den Gymnasien fahren mußten. Die Züge waren in der Regel ziemlich leer, nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten hätte man diese Strecke damals schon zur Stilllegung ins Auge fassen müssen. Allein schon die geologische Situation an manchen Stellen führte zu Langsamfahrstrecken, auf denen nur 20 gefahren werden durfte. Allerdings gabs hier den Zonenrandbonus und außerdem fuhren hier ja noch Güterzüge über Walkenried/Ellrich in die DDR und vice versa.

Der Bahnhof hatte wirklich alles, was ein Bahnhof damals benötigte. Erstmal Personal. Immer mindestens drei Mann Besatzung. Einen für die Gepäckaufgabe, die gleich im Bahnhofseingang einen großen Stahltresen mit Schiebefenster ausmachte. Man konnte seine Sachen aber meistens auch von außen direkt durch das große Tor hereinbringen. Ein zweiter Beamter saß meistens am Schalter und gab telefonische Fahrplanauskünfte. Damals rief man tatsächlich noch im Bahnhof an, um sich eine Verbindung heraussuchen zu lassen. Oft war es ärgerlich, wenn man am Schalter stand und eine Fahrkarte haben wollte und das Sprechfenster war geschlossen, während der Beamte im Kursbuch wühlte und Verbindungen von Bad Sachsa nach Timbuktu heraussuchte. Der dritte Kollege kümmerte sich um das Diensttelefon und die kleine Stellwerksbank, mit der zwei Signale bedient werden konnten. Außerdem fertigte er in der Regel die Züge ab.

Der vierte Mann saß nicht im Bahnhofsgebäude, sondern etwa 150 Meter weiter westlich und ca 10 Meter höher im Bahnwärterhaus auf dem Heideberg. Dieser Mann hatte die Gewalt über zwei Schrankenpaare, die er mit seinen Kurbeln von hier aus bediente. Der eine Bahnübergang war direkt am Bahnhof und komplett einsehbar, der zweite Übergang war nochmal vierhundert Meter weiter westlich in der Feldmark. Der war in der Regel auch geschlossen, mit einer Sprechanlage konnten die Landwirte oder Spaziergänger ihren Überquerungswunsch mitteilen. Entweder öffnete sich dann die Schranke oder es kam ein knarziges „Zug kommt“ durch den Lautsprecher. Das Leben und Arbeiten an den Schrankenkurbeln war sicherlich nicht immer spassig, denn die Kurbeln standen draussen und mußten ja nicht nur für die Personenzüge bedient werden, sondern auch für die Rangierfahrten. Wenn allerdings morgens Schulkinder aus Neuhof vor der Schranke standen, die unbedingt noch den Bus erwischen mußten, wurde die Schranke, wenn Zeit war, nochmal kurz gelupft (denn man konnte von hier ja sehr gut sehen, ob aus Richtung Walkenried schon ein Zug aus dem Einschnitt am Sachsenstein zu sehen war).

Wenn dann Züge kamen, war Bewegung im Bahnhof. Kam der Zug aus Walkenried, war nicht so viel zu tun, den er kam auf dem Gleis an, das direkt am Empfangsgebäude war. Die Schubkarre mit dem Frachtgut und den Postsäcken aus der Post in Bad Sachsa, dem einen oder anderen Stück Reisegepäck mußte man hier nur ein paar Meter aus der Tür herausfahren. Aus Walkenried selber kamen in der Regel keine oder wenig Fahrgäste, das lohnte sich nicht. Dafür stiegen dann hier die Reisenden in Richtung Herzberg, Göttingen, Northeim ein.

Kam der Zug allerdings aus der anderen Richtung und fuhr nach Walkenried, mußten Fahrgäste und Bahnpersonal das erste Gleis überqueren. Damit das gefahrlos vonstatten ging, wurde das Hauptsignal in Höhe der Überführung der Strasse nach Bad Sachsa auf Halt gestellt, damit nicht etwa plötzlich ein Güterzug unter den Reisenden aufräumte.

Die Züge, die hier fuhren bestanden zu zwei Drittel aus Triebwagen, in verkehrsschwachen Zeiten solo, sonst mit einem BW, ganz selten auch mit zwei BW. Die Schienenbusse, die hier fuhren waren ETA 150, also Akkutriebwagen, die nach ein oder zwei Runden in den Südharz in Northeim neben Gleis 14 wieder an die Steckdose mußten.

Wenn Lokbespannte Züge kamen, hatten sie in der Regel eine V100 vorne, später auch schonmal eine V160. Dahinter zwei bis drei Silberlinge. Aber je nach Lage der Dinge konnten hier auch noch ältere Wagen hinterhängen. Im Katastrophenwinter 1978/79 fuhren hier auf der Strecke bis Northeim Vorkriegswagen, die man sich von der Reichsbahn der DDR ausgeliehen hatte. Die Lokbespannten Züge waren keine Wendezüge, die Lok wurde in Walkenried umgesetzt.

Die Güterzüge in die DDR und zurück fuhren bis zum Ende der Dampfära mit Dampflokomotiven, teilweise in Doppeltraktion. Das Wagenmaterial wurde in Herzberg zusammengestellt und fuhr dann in der Regel ohne weiteren Halt bis in die Übergabeschleuse am Bahnhof Ellrich. Dort wurde der Zug in Richtung Osten übergeben und ein Zug zurück in Richtung Westen übernommen. Auf diesen Zügen waren oft Waren, die in der DDR für beispielsweise Neckermann hergestellt wurden, oft aber auch nur schnöde Baumstämme. Ob die Lokomotiven in Ellrich die Möglichkeit hatten, Betriebsstoffe zu übernehmen, weiß ich nicht, welche Loktypen damals diese Strecke bedienten, weiß ich ebenfalls nicht, darauf habe ich zu der Zeit nicht geachtet. Als die Dampfloks nicht mehr fuhren, war jedenfalls in Neuhof Siedlung bei vielen Hausbesitzern Erleichterung festzustellen, denn die Wetterseiten der Häuser hatten unter den Dampflokomotiven ziemlich gelitten, vor allem, wenn sie weiß gestrichen waren.

Um diese Züge gab es immer viele Geschichten. Weihnachten und Sylvester wurde mit Kreide immer ein Gruß an die Kollegen der Reichsbahn an die Waggonwände geschrieben und tatsächlich kam immer wieder mal ein Gruß zurück. Auch für Fluchten ist der Übergang Walkenried/Ellrich benutzt worden, ein oder zweimal wurde hier in Herzberg ein völlig steifgefrorener und durchgerüttelter Flüchtling unter einem Wagen herausgeholt. Allerdings war die Grenzabfertigung 1973 schon so pefektioniert, daß eine Flucht über diesen Weg nahezu ausgeschlossen war.

Neben dem Personenverkehr und dem Güterinterzonenverkehr gab es jedoch auch noch die Güter- und Rangiergleise, die Ladestelle wurde allerdings erst 1953 gebaut. Und hier war eigentlich auch immer ganz schön was los. Morgens dieselte die Kleinlok aus Walkenried nach Bad Sachsa und brachte drei oder vier Kesselwagen mit, die unter die Gipsabfüllanlage gestellt wurden. Zusätzlich waren hier auch noch drei oder vier gedeckte Güterwagen anzuliefern und meistens war in dem Güterzug noch ein Kohlenwagen.

Die Kohle war für Fulst und Kielholz geliefert, die losen Kohlen wurden mit einem Förderband, was auf dem Bahnhof stand, auf den Magirus Deutz S3500 der Firma geladen. Dieser LKW konnte wahlweise mit offener Ladefläche oder mit einem aufgesetztem Heizöltank fahren. Zum Kohlen abholen mußte also jedesmal umständlich der Tank mit Pumpenanlage herabgeholt werden.

Die Gipsabfüllanlage stand direkt rechts hinter den Schranken in Richtung Neuhof. Die Silowagen wurden mit losem Gips aus dem Gipswerk Sachsenstein (2001 abgerissen) befüllt, das war jedesmal eine sehr staubige Angelegenheit, obwohl der Einfülltrichter oben dick mit Sackleinwand umhüllt war. Wie die Kesselwagen jeweils unter den Einfülltrichter vorgezogen wurden, weiß ich nicht mehr, ich bilde mir allerdings ein, daß die Gipsfahrer in der Regel nicht zimperlich waren und die Wagen mit ihren LKW weitergeschoben haben. Einige der Kesselwagen waren weiß und hatten das Logo des Gipswerks – ein weißes S in einen schwarzen Stern – angebracht. Die Adressangabe 3421 Neuhof stimmte nach 1973 nicht mehr, die Gebietsreform in Niedersachsen hatte das Dorf nach Bad Sachsa eingemeindet und die neue Postleitzahl war 3423 Bad Sachsa 2. Das Gipswerk befüllte zusätzlich auch die gedeckten Güterwagen mit Gips in Säcken, der hier nicht etwa palettenweise eingeladen wurde, sondern Sack für Sack mit der Hand.

Schräg hinter der Gipsabfüllanlage war ein Betriebsgebäude der SEKUSA (Bayer Dentalgipse). Auch die SEKUSA verlud Ihre Erzeugnisse hier auf Güterwagen. Hinter der SEKUSA war noch ein weiterer Schuppen, der aber meistens leer stand.

Es gab ja auch noch ein weiteres Gipswerk in Sichtweite: Börgardts auf der Kutzhütte (heute bpb Formula). Wer die Strasse von Neuhof nach Walkenried über die sehr hoch gelegene Kutzhütte fuhr, sah plötzlich neben den Betriebsgebäuden über Schienen. Waggons standen hier auch ab und an. Obwohl der Bahnhof Walkenried nur etwa 500 Meter entfernt war, war wegen des Höhenunterschieds hier kein Bahnanschluß möglich. Des Rätsel Lösung: Damit die Kutzhütte trotzdem direkt auf Güter-und Silowagen verladen konnte, wurden die Waggons mit einem Culemeyer direkt aufs Werksgelände gebracht und abgeholt. Der Gips aus dem Steinbruch am Kranichteich Neuhof wurde übrigens bis 1962 Jahrte per Seilbahn ins Werk geliefert.

Die Güterladestelle wurde 1990 komplett zurückgebaut, heute erinnert nicht mehr an den Betrieb vor 35 Jahren.

Um das Bild rund zu machen: Zu einem richtigen Bahnhof gehört natürlich auch eine Bahnhofsgaststätte. Und die gab es hier. Das Ehepaar Bornhausen (er war vorher der letzte Dorfgendarm in Neuhof gewesen) bewirtschaftete das Lokal. Es gab den Schankraum, einen Klubraum und einen Kiosk, der in der Schalterhalle war. Schon 1973 war die Auslage in den Glaskästen verblichen. Es waren kunstvoll drapierte (leere) Schokoladenschachteln der Marke Hachez. Nichtsdestoweniger gab es alles, was der Bahnreisende brauchte: Zigaretten, Bier (Paderborner), und eine kleine Auswahl Zeitschriften. Für Kinder gab es die übliche lose Auswahl an Haribo und Kirschlutschern (1 Pfennig!). Die Gaststube war typisch, wie viele andere Bahnhofsgaststätten damals auch. Dunkelbraune Vierertische mit einer rotweiß karierten Tischdecke, die Decke nikotinverbräunt, an der Decke hinge das ganze Jahr über Fliegenfänger, die ab und zu im Winter dann herunterfielen. Es gab Wolters Pilsener vom Faß, 0,2 Liter für 90 Pfennig. Auch der Geruch war typisch. Etwas schales Bier, Frittierfett, kalter Zigarettenrauch.

Das Bahnhofsgebäude in Bad Sachsa steht noch. Hat aber keine Funktion mehr. Es gibt einen Fahrkartenautomaten, inzwischen zwei Bahnsteige und immerhin – jede Stunde, jede Richtung – eine Anbindung per Dieseltriebwagen nach Göttingen oder Nordhausen.

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