Die Lust am Verfall

… oder “the Fascination of decay”.

Was treibt jemanden, wie mich immer wieder in die Abseiten von Berlin? Schwierig das jemandem anders zu erklären.

Mit dem Zug in einer Stunde, mit dem Auto teilweise in 30 Minuten erreichbar, kommt man an Stätten, die innerhalb der Stadt oder an ihrem Rand verfallen. Meistens seit 1990 oder kurz danach. Mal nicht mehr benötigt, mal überflüssig, nicht gewollt, mal undankbares Erbe in fast jedem Fall von den Zeitläuften überholt.

Lungensanatorien braucht man schlicht und ergreifend nicht mehr. Fliegerhorste ebensowenig. Auch sind Irrenanstalten und Ballsäle nicht mehr auf der Liste der bevorzugten Ziele unserer heutigen Gesellschaft.

Dennoch existieren sie. Mitten unter uns. Leider zerfallen. Der Zerfall, der noch im leisen Hauch mitteilt, was hier mal gewesen ist, fasziniert mich und hier sind ein paar Aufnahmen aus den letzten Monaten, die diese Faszination vermitteln sollen.

Ortsnamen lasse ich mal weg, die Zahl derer, die sich dem Eindruck entziehen und nur plündern, marodieren und am Ende Feuer legen, ist mir zu gross.

Fascination of Decay - Sanatorium 2011 - 11

Fascination of Decay - Sanatorium 2011 - 11

Das Bild oben Bild zeigt einen Saal für Feiern oder auch Mahlzeiten in einem Sanatorium. Da der Ort so tief im Wald abseits jeglicher Anbindung liegt, ist hier weder Graffitti noch Metallklau zu bemerken.

Fascination of Decay Gaswerk Berlin - 11-2011

Alte Gasfabrik. Bei meinem Fototermin bog ich um eine Gebäudeecke und schreckte zwei sehr leicht bekleidete Damen mitsamt Fotograf aus ihrer Session …

Fascination of Decay - Fliegerhorst bei Berlin - 11-2011

Fascination of Decay - Fliegerhorst bei Berlin - 11-2011

Schätzungsweise WBS 70 … bei 500.000 sowjetischen Soldaten nebst Familienanhang bei Offizieren reichte das bislang requierierte Gebäudematerial nicht.

Fascination of Decay - Fliegerhorst bei Berlin - 11-2011

Appellplatz vermutlich. 17 Jahre ungenutzt.

Fascination of Decay - Fliegerhorst bei Berlin - 11-2011

… Das Tischgestell ist sicherlich nicht von Eiermann.

Fascination of Decay - Fliegerhorst bei Berlin - 11-2011

Fascination of Decay - Fliegerhorst bei Berlin - 11-2011

Hangars im Abendlicht.

Fascination of Decay - Irrenanstalt - 11-2011

Fascination of Decay - Irrenanstalt - 11-2011

… was das jetzt für einen Sinn hatte, ist mir bislang auch schleierhaft. Jedenfalls war zehn vor fünf Ende!

Fascination of Decay - Tanzsaal - 2001 - 11

Fascination of Decay - Tanzsaal - 2001 - 11

Hier wurde noch bis Mitte der Neunziger getanzt und gefeiert ….

Fascination of Decay - Irrenanstalt - 2001 - 11

Fascination of Decay - Irrenanstalt - 2001 - 11

Die Natur holt sich alles zurück!

Fascination of Decay - Irrenanstalt - 2001 - 11

Fascination of Decay - Irrenanstalt - 2001 - 11

Und am Ende: Händewaschen nicht vergessen!

Heeresbekleidungsanstalt Bernau

Es ist ja immer wieder faszinierend, wie sich mitten unter uns plötzlich Areale auftun, in denen die Zeit stehengeblieben ist. Umgeben von Autobahnen, Gewerbegebieten und Reihenhäusern wohnt man Tür an Tür mit der Vergangenheit.

In Bernau ist das beispielsweise so. Das etliche Hektar umfassende Gelände der ehemaligen Heeresbekleidungsanstalt schmiegt sich im Südosten an den Ort. Kommt man von draussen auf das Gelände, ist man in einer anderen Welt.

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Gesamtansicht Hauptgebäude — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

1936 bis 1938 ist der Komplex als Heeresbekleidungsanstalt neu gebaut worden. Aufgabe dieser Institution war die logistische Versorgung der Armee mit Bekleidung. Dazu kammen weitere Dienstleistungen wie Reinigung, Anfertigung, Lagerung und bei der Dimension des Standortes auch alles was sonst zu einer Gebäudeanlage dieser Größe gehört: Heizung, Strom, Verpflegung, Unterkunft.

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Strasse zwischen den Gebäuden — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Die Gebäude sind verlassen. Bei näherem Hinsehen entdeckt man, dass hier nicht mehr die klassische Ziegelbauweise, wie sie gerade in Norddeutschland typisch war, verwendet wurde, sondern für damalige Zeiten hochmoderne Stahlbetonskelette erstellt wurden, die anschliessend nur noch mit Ziegeln verblendet wurden. Das erklärt auch den in vielen Teilen noch sehr guten Erhaltungszustand. An anderen Stellen sieht man, dass der Krieg die komplette Fertigstellung verhinderte.

Die 65.ooo Quadratmeter Nutzfläche wurden von der sowjetischen Bestzungsarmee von 1945 bis zum Abzug 1994 für ähnliche Zwecke genutzt. Hier wurde allerdings nach typischer Sowjetart (stationiert war hier das Garde Rotbanner Panzerregiment) mit den Kohlenwasserstoffen, die man zur chemischen Reinigung benötigte,mehr als sorglos umgegangen. Das Gelände ist immer noch in einigen Teilen stark kontaminiert.

Verbindungsbrücke zwischen den Gebäuden — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Dass dieses keine normales Militäranlage war, sieht man spätestens, wenn man die Arbeitssäle in Erdgeschoß in Augenschein nimmt. Hell, zweckbestimmt und großzügig. Zuerst dachten wir noch, dass wir hier die Kantine vor uns hätten, aber die Größe der Räume und unsere Erfahrung mit ähnlichen Gebäuden sprach dagegen.

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Arbeitssaal — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Die Nutzung durch die Rote Armee hat diverse Spuren hinterlassen, einmal im großen, sozusagen vaterländischen Stil hier:

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Wandgemälde in der Panzerkaserne — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Da ich überhaupt keine Ahnung von Militärsachen habe (außer ab zu in irgendwelchen alten Gebäuden herumzulaufen), habe ich mal Insider gefragt, ob das SS-20-Raketen wären. Das konnte mir nach diesem Bild keiner bestätigen.

Im Detail sieht man die russische Vergangenheit aber auch hinter den Tapeten. Die Wahrheit:

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Prawda, als Tapetenhintergrund — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Gewisse Skurrillitäten sind bekannt. So hat man die ursprünglich vorhandenen Wasserklosetts zugemauert und stattdesessen einfache Abtritte mit zwei Henkeln an der Wand, profilierten Stellen für die Schuhe und einem Loch im Boden installiert. Die Ein-Euro-Jobber, die Anfangs des Jahrtausends die Anlage aufräumen sollten, haben die alten Toliletten wieder freigelegt.

Die gefliesten Gänge wurden fast alle mit Ölfarbe überstrichen. Inzwischen ein absurder Anblick.

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Gang im Hauptgebäude — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Die russische Armee hat das Gelände nach ihren Bedürfnissen erweitert. Da hier ein Teil der Panzertruppen  stationiert wurde, mußte man für diese Einheiten die notwendige Infrastruktur schaffen. Im südlichen Teil des Geländes sind Garagen, Werkstätten und Rampen gebaut worden, um Fahrzeuge warten zu können. Eine öde Fläche tut sich vor einem auf.

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Weite Landschaft — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Im Instandsetzungsbereich wirds dann ernst. Der sehr selbst gemalte Totenkopf gemahnt an “tödliches Gift”.

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Giftschrank — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Jetzt wird es “tschernobylesk”. Die alte Tankstelle sieht aus, wie ein Gebäude aus der verbotenen Zone in der Ukraine. der Rest der Landschaft paßt dazu.

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Tankstelle — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Zum Abschluss ein der Werkhallen in der sich neben gebrauchten Kühlschränken von 2008 auch noch Holzkisten finden lassen, in denen mal automatische Unheilbringer verpackt waren. Diese Bilder spare ich mir hier.

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Werkstatthalle — Heeresbekleidungsanstalt Bernau, 21. März 2011

Fazit: Laut Berichten sind hier schon diverse Investoren gescheitert. Nach Berichten der Märkischen Oderzeitung aus dem Mai 2010 steht ein weiterer Interessent vor der Tür, der das Gelände zu einem Wohngebiet entwickeln will. Das Gebiet ist ebenso wie andere verlassene Objekte zu groß, zu kontaminiert und zu verfallen, wie Beelitz Heilstätten, Weissensee, Pankow Heinersdorf und andere von mir besuchte Locations zeigen, als dass hier noch was renditefähiges hinzustellen wäre.

Disclaimer: Dieses ist keine Einladung, das Gelände zu betreten. Ich bin auch weiterhin kein Militarist, auch wenn ich mir solche Plätze anschaue. Und es gibt auch weiterhin keine Gewähr, dass ich immer mitteile, wo ich jeweils Fotos mache.

Dresden – WPNC #2

WPNC ' 10, Dresden, Hochschule für Wirtschaft und Technik

Etliche Jahre war der Workshop in Hannover, meiner alten Hochschule, die Pfade waren eingetreten, die Organisation lief gut, aber der Aufwand einen solchen Workshop zu einem sehr eng eingegrenztem Thema gut durchzuführen, war Hannover dann anscheinend doch etwas zu viel. Deshalb jetzt und zukünftig Dresden.

ein paar Highlights aus den Themen der verschiedenen Tasks:

  • Joint Channel and Parameter Estimation for Joint Communication and Navigation using Particle Swarm Optimization
  • Localization of Multiple Emitters by Spatial Sparsity Methods in the Presence of Fading Channels
  • Barometric Height Estimation Combined with Map-Matching in a Loosely-Coupled Kalman-Filter

Wobei der letztgenannte Vortrag tatsächlich einen realen Bezug zum Leben hat: Wie bekomme ich in einem sechsstöckigem Parkhaus ohne GPS-Empfang aber mit Hilfssensoren noch eine genaue Ortung hin.

Der Rest war sehr viel Theorie, die man sehr knapp zusammenfassen kann: Man kann heute sehr gut in Innenstädten und Gebäuden mit hoher Fluktuation (und der entsprechenden Kommunikationsinfrastruktur) mit Hilfe von WIFI und anderen Breitbandkommunikationssdiensten seine Position bestimmen, aber wenns im Gebäude brennt und die Feuerwehr wissen will, wo es langgeht, ist das nicht mehr möglich, weil der Strom inzwischen weg ist ….

Hätten wir bloß LORAN C nicht abgeschaltet.

Ich kann nicht behaupten, auch nur ansatzweise alles verstanden zu haben, was die Vortragenden dem Publikum gezeigt haben, aber ich erinnere mich gut an meinen alten Mathematikprofessor, der auch immer sagte, “… und wie sie hier gut sehen können“, und dabei auf einen drei Meter langen Term an der Tafel zeigte.

WPNC '10 Dresden — Ausschnitt aus einer Darstellung der Poster-Session

Diese Workshops, so abstrakt das hier bisweilen zugeht, sind aber gut für die Kontaktpflege und bringen auch einen frischen Wind in unsere Gedanken und Konzepte. Der Notizblock ist jedenfalls gut gefüllt.

Aber verdammt, hier ist es superkalt, Altschnee in Mengen, die in Berlin schon lange Geschichte sind und Schneetreiben heute den ganzen Tag.

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die HTW, früher Hochschule Friedrich List für Verkehrswesen hat zwar das schlechteste Logo, was mir seit langen vorgekommen ist, aber im Inneren ein paar kleine bauhistorische Perlen:

HTW Dresden, Uhr im Treppenhaus

Auch das Mosaik im Treppenhaus hat überlebt, der Gestalter Hermann Neumann hat es in den fünfzigern hier angebracht und der sächsische Staat hat es für überlebenswürdig erachtet.

HTW Dresden, Mosaik im Treppenhaus

Das Kulturprogramm fand in erster Linie im Dunkeln statt. Hier ein paar Mitglieder der Berliner Delegation beim Studium des Fürstenzuges.

der Fürstenzug in Dresden — nächtliche Begutachtung

Jolly Cow

Eine etwas ausgefallene Art, das Zunftzeichen der Fleischer darzustellen, aus der Rostocker Altstadt:

Metzgerei-Schild — Rostock, 21. Februar 2010

Da stand bestimmt der Jolly Roger etwas Pate.

Das Originalzeichen der Zunft ist übrigens nicht weniger morbide ….

48h — Rostock (1)

Dreimal soviel Schnee, wie in Berlin, deswegen auch dreimal soviel Taumasse. Im Bahnhof taut es in Strömen vom Dach bis ins Kellergeschoß, wo die Strassenbahn fährt, auf den Strassen köönnte man den Freischwimmer machen.

Es war schon später, die Ausbeute beschränkt sich auf ein Bild.

Rostock, Stadthafen bei Nacht — 19. Februar 2010

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