… der Kongress tanzt nicht mehr

25 Mär

Wobei ich mir sicher bin, dass in diesem Kongresszentrum schon fröhlich getanzt werden konnte. Platz dazu gibt es jedenfalls. Auch wenn die Sichtbetonhülle, die man heute sieht, eher abschreckend ist.

Kongressszentrum, Außen - 3. März 2013

Kongressszentrum, Außen – 3. März 2013

Ich bin mir nicht sicher, ob das, was hier steht, wirklich hundertprozentige Eigenleistung der DDR war. Dazu gibt es zu viele Ähnlichkeiten mit identisch scheußlicher Architektur aus dem Westen, die ich kenne. Vielleicht haben auch westliche Baukonzerne an diesem Schmuckstück mitgebaut. Immerhin sollte das hier ein Vorzeigeobjekt werden. Angeschlossen an ein Hotel, was hier schon länger stand sollte das Kongresszentrum Weltläufigkeit und Moderne vermitteln. Das was wir heute 80er-Jahre-Mief nennen.

Kongresszentrum, Hoteleingang - 3. März 2013

Kongresszentrum, Hoteleingang – 3. März 2013

Erstmal ist zu. Also Gelegenheit, um das Gelände zu schlendern. Fenster sind eingeworfen, spitze Zacken hängen von oben oder pendeln leicht in der verbliebenen Halterung, oder alternativ sind Pressspanplatten verbaut. Der Hoteleingang versprüht noch den Charme der späten sechziger mit Messingapplikationen und schrägen Türgriffen.

Kongresszentrum, Außen - 3. März 2013

Kongresszentrum, Außen – 3. März 2013

In jedem Zaun ist ein Loch, in jeder Mauer eine Lücke und in jedem Gebäude ein offener Zugang. Urbexers Regel Nummer eins. Wobei die Lücken und Löcher in der Regel eher von denen stammen, die unredliches Tun im Hirn haben.

Na ja, wenn es schon offen ist, kann man ja auch einen kleinen Blick hineinwerfen …..

Man muss sich erst zurechtfinden. Diverse Aufgänge, diverse Abgänge, plötzlich steht man im Keller vor Resten der gigantischen Kühlanlage, um sich gleich danach in der Bowlingbahn wiederzufinden.

Kongresszentrum, Bowlingbahn - 3. März 2013

Kongresszentrum, Bowlingbahn – 3. März 2013

Man beachte bitte die zeitgenössische Wandgestaltung auf der linken Seite sowie das angedeutete Tonnengewölbe aus Leichtmetall an der Decke. Sowas gabs seinerzeit auch in Wuppertal-Vohwinkel oder Hannover-Garbsen. Eine der Trefferanzeigen ist soagar noch ziemlich intakt.

Hinter der Bowlingbahn ist eine gemütliche Kellerbar, weiter oben und weiter hinten sind Restaurants, Nachtbars, Konferenzräume, riesige Küchen.

Kongresszentrum, Küche - 3. März 2013

Kongresszentrum, Küche – 3. März 2013

Ich könnte inzwischen fast jedesmal bevor ich einen Lost Place betrete, wetten, dass sich irgendwo etwas rotes prominent in einen Bildaufbau plaziert. Bingo. Diesmal ist es kein Hydrant, kein Sofa und auch kein Stuhl sondern ein Feuerlöscher.

Das Kongresszentrum hat die Neunziger noch erlebt, ist heile über die Wende gekommen und dann in diversen spekulativen Sümpfen untergegangen. Man hatte Pläne für eine Wellnessoase (50 Millionen Euor) ein Kongresszentrum (made me smile, 35 Millionen Euro) und nichts davon ist realisiert worden.

Einmal noch kam das Privatfernsehen hierher und produzierte eine furchtbar lahmarschige Polizei-Actionserie in dem Gebäude, was damals noch einigermassen intakt war. Seitdem ist hier der Vandalismus in seiner ausgeprägtesten Form zu sehen. Fast nichts ist mehr heile. Das ist gerade für einen Platz, wie diesen, wo sehr viel Glas verbaut wurde, natürlich schlimm.

Kongresszentrum, Foyer - 3. März 2013

Kongresszentrum, Foyer – 3. März 2013

Bei genauerer Betrachtung der Elektrotechnik und der Schalter (auf edlem Nußbaumfurnier) egibt sich hier ein Mix aus West- und Ostprodukten. Bei dem Schalter hier kamen mir Erinnerungen an meine alte Schulaula, die exakt die gleichen Knöpfe hatte.

Kongresszentrum, Notbeleuchtungsschalter - 3. März 2013

Kongresszentrum, Notbeleuchtungsschalter – 3. März 2013

Myriaden von Scherben lassen den Spaziergang zu einem akkustischen Erlebnis werden. Immerhin, man bemerkt schlimmstenfalls auch, wenn sich jemand anders nähert. Was aber an diesem sehr unterkühlten Märztag nicht der Fall ist. Trotzdem hüpft das Herz immer wieder mal, wenn der Wind durch die zerbrochenen Fenster pfeift und Türen oder lose Deckenplatten leicht melancholisch knarren.

Im Obergeschoss ist der Kinosaal. Aus unerfindlichen Gründen (vermutlich hat das was mit der Filmerei zu tun) wirkt er von aussen, wie eine Moschee.

Man erkennt noch die Luken, durch die der Projektor einst die Legende von Paul und Paula an die nicht mehr vorhandenen Leinwand geworfen haben könnte.

Kongresszentrum, Kinosaal - 13. März 2013

Kongresszentrum, Kinosaal – 13. März 2013

Im Vorraum ist auch kein Stein mehr auf dem anderem. Komischerweise ist der Stuhl nicht rot sondern grau. Aber das rote Objekt hatten wir ja schon.

Kongresszentrum, Vorraum zum Kino - 3. März 2013

Kongresszentrum, Vorraum zum Kino – 3. März 2013

Treppauf, treppab, Empfangstresen, zentrale Elektroverwaltung, Audiosteuerung, Kühlkammern, Büros, Sozialräume, Lagerräume. Dieses Biest ist riesig. Kein Mensch mehr da, auch vom Personal ist keiner mehr zu sehen.

Kongresszentrum, Personalraum - 3. März 2013

Kongresszentrum, Personalraum – 3. März 2013

Ich gebe keinen Pfifferling mehr für dieses Gebäude. Nach einigen Rangeleien mit dem zuständigen Bezirkstadtrat wird man dieses marode Häuflein Beton mit Hilfe einiger schwerer Maschinen ind handliche Betonwürfel verwandeln und dann ein ordentliches Kongresszentrum errichten. Oder ein Kongresszentrum mit Wohlfühloase.

Mal sehen, ob ich an der Garderobe meine Jacke wieder bekomme …..

Kongresszentrum, Garderobe - 3- März 2013

Kongresszentrum, Garderobe – 3- März 2013

Verfallende Industriekultur in Leipzig (2)

22 Mär

War ich vorher im Norden, habe ich jetzt die ganze Stadt durchkreuzt und bin eher im Südwesten gelandet. In Plagwitz um genauer zu sein. Plagwitz, bis Mitte des 19. Jahrhunderts ein Dorf mit einer Handvoll Einwohner hat sich im Zuge der Industrialisierung unter streng kapitalistischen Methoden bis Ende des Jahrhunderts zu einem grossen Industriestandort entwickelt. Klar und logisch, dass Leipzigs Stadtväter dieses florierende Fleckchen Erde schnell eingemeindet haben. War ja schon alles da: Strassenbahn (wenn auch noch mit Pferden), Eisenbahnanschluss, Kanal. An diesem Ort ließ sich der Maschinenfabrikant Swiderski gegen 1888 mit der Erweiterung seiner Maschinenfabrik nieder. Swiderski produziert recht erfolgreich Dampfmaschinen und dort, wo er seine Firma gegründet hatte, war kein Platz mehr zur Expansion.

Maschinenfabrik Swiderski, Leipzig Plagwitz, Verwaltungsgebäude - 2. März 2013

Maschinenfabrik Swiderski, Leipzig Plagwitz, Verwaltungsgebäude – 2. März 2013

Die Architektur entspricht der Formensprache des Wilhelminismus (noch war der erste Wilhelm auf dem Thron), Eduard Steyer und Paul Ranft waren die Architekten, die der Fabrik ihr Gesicht gaben. Pate gestanden haben hier die Gotik aber auch die englische Architekturder Tudorzeit. Wobei sich die Verspieltheit des Verwaltungsgebäudes in den Fabrikhallen selber etwas gedämpft wiederfindet. Immerhin hatte Swiderski selber genug Chuzpe, sich sein Wappen in Granit gemeißelt über die Eingangstür hängen zu lassen.

Maschinenfabrik Swiderski, Leipzig Plagwitz, Familienwappen - 2. März 2013

Maschinenfabrik Swiderski, Leipzig Plagwitz, Familienwappen – 2. März 2013

Die Firma, die mit Buchdruck-Schnellpressen und kleinen Dampfmaschinen in eine furiose Zukunft startete baute jetzt Petroleum-Motoren und Lokomobile. Bei den Motoren handelte es sich vermutlich um die ersten kommerziell einsetzbaren Dieselmotoren mit entweder Zweitakt-Verfahren oder die etwas spätere Variante mit Ventiltrieb und Viertakt.

Maschinenfabrik Swiderski, Leipzig Plagwitz, Fabrikhalle - 2. März 2013

Maschinenfabrik Swiderski, Leipzig Plagwitz, Fabrikhalle – 2. März 2013

Da es immer noch mächtig taut und das Wasser an allen nicht dafür vorgesehenen Stellen nach unten drängt, umrunde ich das Gebäude erstmal, um eine Stelle zu finden, an der man nicht unweigerlich Tropfen in den Nacken kriegt. Dabei sehe ich, dass zumindest sparsam aber sichtbar auch die Fabrikhalle das eine oder andere Türmchen bekommen hat.

Maschinenfabrik Swiderski, Leipzig Plagwitz, Fabrikhalle - 2. März 2013

Maschinenfabrik Swiderski, Leipzig Plagwitz, Fabrikhalle – 2. März 2013

Die Firma wird in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, wobei der Patriarch zunächst noch den größten Anteil selber hält. Aber er hat Probleme. Sein Sohn ist an der Fabrik nicht interessiert, stattdessen wird er Schachspieler und das zur Verblüffung des Vaters soger ein ziemlich erfolgreicher. Seine TOchter treibt es noch viel schlimmer. Gertrude Davis ist Frauenrechtlerin, Sufragette, mit einem linken Zeitungsredakteur verheiratet (der später hohe politische Karriere macht) und Vorreiterin in vielen Frauenrechtsfragen. Auch am Anstieg der Konsum-Genossenschaften war sie beteiligt.

Im Inneren ist es leer. Das war zu erwarten. Man sieht deutlich, die später hinzugebaute (aber ewigwährende) Notlösung, zusätzlichen Produktionsplatz zwischen zwei Hallen dadurch zu nutzen, dass man einfach noch ein Dach darüberzog.

Maschinenfabrik Swiderski, Leipzig Plagwitz, Zwischendach - 2. März 2013

Maschinenfabrik Swiderski, Leipzig Plagwitz, Zwischendach – 2. März 2013

1916 kam das Unternehmen in den Besitz der Industriewerke GmbH. Jetzt wurden wieder vermehrt Druckereimaschinen produziert. das Werk war vollständig, hatte eine eigenen Giesserei und eine Wasserversorgung. Das ist der Turm vom ersten Bild, der nicht etwa die Vorstandsetage enthielt, sondern ein schnödes Wasserreservoir. Nach dem 1. Weltkrieg gehörte die Firma seit 1921 Georg Spieß, die Produktpalette blieb gleich.

Maschinenfabrik Swiderski, Leipzig Plagwitz, in der Produktionshalle - 2. März 2013

Maschinenfabrik Swiderski, Leipzig Plagwitz, in der Produktionshalle – 2. März 2013

Die Halle ist ausgeweidet. Sie erfährt das Schicksal ungezählter anderer aufgegebener Industriestandorte. Grossflächige Graffitti, Unmengen farbiger Paintball-Kugeln und nicht mehr der leiseste Hinweis auf das, was hiermal war. Sonst kann man mit Glück noch mal Schilder, Bedienhinweise, oder Warnungen erkennen. Das ist hier nicht mehr so.

Was in den dreissiger Jahren und im Krieg hier passiert ist, habe ich bei meinen Recherchen noch nicht so richtig herausbekommen. Vermutlich wurden auch hier kriegswichtige Güter hergesellt, von grösseren Schäden durch Bombardierung ist nichts sichtbar. Nach 1945 hat sich hier irgenwann der VEB Druckmaschinen Leipzig eingenistet und ist bis zum Ende der DDR geblieben. Gerüchteweise sollen hier auch noch Autoteile für den Wartburg hergestellt worden sein.

Möglich. Aber nichts erinnert daran.

Ich vermute, dass das Gelände trotz Denkmalschutzes irgendwann plattgemacht wird. Die Hallen aus den fünfziger Jahren, die direkt an der Strasse standen, sind bereits abgerissen. Ein paar Jahre noch warten, sagen sich die Stadtväter, dann ist alles von alleine eingefallen und wir müssen nur noch wegräumen ….

Aber so echt altes Gemäuer kann vielleicht noch ganz schön zäh sein!

 

Wer noch mehr sehen will, geht zum Arboretum und wir treffen uns demnächst am Postbahnhof wieder.

Dresden, März 2013, Workshop on Positioning und so weiter …

21 Mär

Auch wenn bisweilen der Eindruck entststehen mag, dass ich gewissermassen auf vergessenen Plätzen lebe und sie nur verlasse, um mir einen neuen Film zu kaufen, kann ich sagen, dass ich mir meine Brötchen genauso verdienen muss, wie jeder andere. Zudem in einem Spannungsfeld zwischen Hochschule, Entwicklung und Anwendung, welches nicht immer ohne Differenzen zwischen allen Beteiligten bleibt.

Ich verlasse also meinen Elfenbeinturm, um in einen anderen zu klettern. Zum zehnten Mal findet der Workshop on Positioning, Navigation and Communication inzwischen statt. Zuerst war das in Hannover (meiner alten Alma Mater), seit vier Jahren sind wir Gast in Dresden in der Hochschule für Wirtschaft und Technik, der vormaligen Ingenieurschule für Verkehrswesen.

Inhaltlich spannend, weil die Teilnehmer aus der ganzen Welt angereist waren. Vom MIT über die Ariel Univiersity bis nach Südkorea war das Feld gespannt.

Mein persönlicher Fehler ist ja, immer den konkreten Anwendungsfall im Hinterkopf zu sehen, anstatt den meist jungen Forschern ihre Visionen durchgehen zu lassen. Der Themenkomplex auf diesem Workshop hatte wie in den vergangenen Jahren den Schwerpunkt auf Indoor-Navigation gelegen. Meine Favoriten bei den Talks waren Henk Wymeersch von der Chalmers University, der eine ausgezeichnete Keynote über Cyber-Physical Systems abgehalten hat, wobei er etwas launig am Ende anmerkte, das diese ja nur ein etwas modernerer Begriff für Netzwerk-Analyse sei.

Pascal Bissig von der ETH Zürich war knackig mit seinem “Pocket Guide to Indoor-Mapping”, und das Highlicht des ersten Tages kam von
Lara Thomas, Airbus SAS Operation, die eine Verbesserung der an Bord von Flugzeugen befindlichen Sensorik mit kombinierten Gauss-Filtern zur exakten Höhenbestimmung über Grund entwickelt hat.

Dresden hat so seinen eigenen Charme zwischen Vergangenheit und Moderne (… Dresden, in den Musennestern/wohnt die süße Krankheit Gestern … erklingt es im “Turm” von Tellkamp).

Ich gehe, wenn ich in Dresden bin (und mein Firma dafür bezahlt) gerne ins Hotel Pullman Newa direkt am Hauptbahnhof, oder, wenn man es andersherum sieht: Am Ende der Prager Strasse. Im 13. Stock zu wohnen, mit Fenstern, die bis zum Boden gehn und einer gläsernen Dusche mitten im Raum.

Pullman Hotel, Dresden, Blick aud dem 13. Stock - 21. März 2013

Pullman Hotel, Dresden, Blick aud dem 13. Stock – 21. März 2013

Ich habe das alles schon einmal hier erzählt, aber ich finde es bis auf den heutigen Tag faszinierend. Und, nein, ich schreibe das aus freien Stücken und nicht, weil ich etwa noch Geld vom Hotelbetreiber dafür bekomme! Weil man im Bett liegend auf die nächtliche und später die erwachende Stadt sieht. Grandios.

 

My Room im Hotel (I love it) - 21. März 2013

My Room im Hotel (I love it) – 21. März 2013

Wir diskutieren abends noch die verschiedenen Talks, stellen dabei auch fest, dass sich Versuche und Ideen sehr sehr ähneln und sind gespannt auf Tag zwei.

Der kommt nicht so richtig in Schwung. On the Sensitivity of RSS Based Localization Using the Log-Normal model: An Empirical Study läßt mich ans Bett im Hotel denken und auch Rebecca Adam von der Universität Kiel mit ihren Ansätzen über Semi-blind Channel Estimation gibt noch keine Inspiration, obwohl sie tatsächlich so eine Art kommunikativen Frontalunterricht mit dem Publikum versucht. Erst Roi Yozevitch aus Israel mit seiner Betrachtung von Accurate Lane Detection Using Commercial GNSS Devices holt mich nach der Mittagspause wieder in eine Ideenwelt zrück. Gute Denkansätze und eine lebendige Art überzeugen mich. Es lässt mich darüber nachdenken, ob wir nicht allzulange in der klassischen Navigation per GNSS die NLOS (Not Line Of Sight) Signale der Satelliten zu sehr vernachlässigt haben, obwohl sie inzwischen mit Partikelfiltermethoden als zuverlässige Hilfsgrösse zu verwenden wären.

 

Keine weiteren Fragen Euer Ehren - 21. März 2013

Keine weiteren Fragen Euer Ehren – 21. März 2013

So. Das wars mit der Wissenschaft, der Text dient auch eher als Memento an mich. Nächstes Mal wieder alte Sachen. Versprochen.

urbexers against vandalism

15 Mär

In eigener Sache sozusagen.

Ich finde auf meinen Expeditionen vermehrt Aufkleber an und in Objekten:

urbexersagainstvandalism

urbexersagainstvandalism

Natürlich ist mir klar, dass das krawallbereite und zerstörungswütige Zeitgenossen nicht davon abhält, irgendwo mal ein schönes Feuerchen zu legen oder alle Scheiben einzuwerfen. Aber ich stehe voll und ganz dahinter und es soll zumindest meine eigene Haltung zeigen:

Urban Explorer fotografieren oder filmen
verfallene oder verlassene Gebäude und Bauten
jeder Art ausschließlich zu Dokumentations-
zwecken und distanzieren sich in jeder Form von
jeder Art des Vandalismus.

Urban Explorers photograph or film abandoned
buildings and structures exclusively for
documentation purposes and seek to distance
themselves from vandals.

Los Exploradores urbanos fotografían o filman
edificios y estructuras abandonadas exclusiva-
mente con fines documentales, y buscan
distanciarse de los vándalos.

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Verfallende Industriekultur in Leipzig (1)

15 Mär

Ich muss nach Leipzig. Man schickt mich dahin. Hat was mit moderner Industrie zu tun und ist für diese Geschichten hier auch nicht weiter wichtig.

Da schaue ich doch mal, wie sich das Notwendige mit dem Angenehmen verbinden läßt. Leipzig war bis zum zweiten Weltkrieg immerhin eine sehr grosse Industriestadt. Hinweise auf lohnende Ziele finden sich allerdings schon nicht mehr allzuviele. Etliches ist einfach weg, anderes inzwischen wieder mit horrenden Investitionen aufgebaut, aber einge Perlen finden sich dann doch noch. Zuerst geht es nach Gohlis.

In den ehemaligen Bleichert-Werken ist es schon sehr lange zwei Minuten nach zwölf.

Bleichert Werke Leipzig, Hof vor der Verwaltung - 2. März 2013

Bleichert Werke Leipzig, Hof vor der Verwaltung – 2. März 2013

Die Produktionshallen ziehen sich über mehrere hundert Meter parallel zu den S-Bahn Gleisen in Gohlis hin. Adolph Bleichert hatte sich vom kleinen Tüftler bis zum Weltmarktführer eines von ihm erfundenen Produkts entwickelt: Er baute Seilbahnen. Seilbahnen für Menschen und Waren. Bereits fünf Jahre nach Firmengründung erwarb Bleichert das Gelände hier in Gohlis (was damals noch mehr oder weniger Ackerland war) und baute den Standort nach und nach immer weiter aus.

Bleichert Werke Leipzig, Personenübergang - 2. März 2013

Man sieht die Überreste von wilhelminischer Industriekultur. Ganz späte Gründerzeit mit einem Hauch von Sachlichkeit. Modern sind auf jeden Fall die vielen Übergänge zwischen den Gebäuden, hat was venezianisches. Erinnert mich aber auch an den Zollfahnder Zaluskowski, der in Hamburg auf eben solchen Übergängen bei der Arbeit zu sehen war.

Bleichert Werke Leipzig, Verwaltungsgebäude - 2. März 2013

Bleichert Werke Leipzig, Verwaltungsgebäude – 2. März 2013

Bleichert lieferte in alle Welt, Amerikaner fertigten nach seinen Patenten und letztendlich arbeiteten mehrere tausend Mitarbeiter für ihn. Einige seiner Seilbahnen fahren fast unverändert bis heute. Zum Beispiel die auf dem Burgberg in Bad Harzburg, mit der ich selbst tatsächlich auch schon gefahren bin. Mit der Wirtschaftskrise ging aber auch Bleichert in den Konkurs. Die Familie war fortan nicht mehr am Werk beteiligt, eine Auffanggesellschaft übernahm den Betrieb (das war also auch schon vor der Schlecker-Pleite eine Möglichkeit dem völligen Aus vorzubeugen).

Bleichert Werke Leipzig, Produktionshallen - 2. märz 2013

Bleichert Werke Leipzig, Produktionshallen – 2. März 2013

Bleichert baute weiter Seilbahnen, Transportbahnen, Skilifte (die Sorte bei der man sich ein Brett zwischen die Beine klemmt, was dann später wieder automatisch wie bei einem Maßband zurückgezogen wird). Die Firma wuchs wieder auf über 3.000 Angestellte, baute zudem Seilbagger und erschloß weitere Standorte in Leipzig. Am Ende wurde sie in eine Aktiengesllschaft umgewandelt.

Bleichert Werke Leipzig, Personenübergang - 2. März 2013

Bleichert Werke Leipzig, Personenübergang – 2. März 2013

Der kleine Spaziergang heute ist anstrengend. Es taut. Die unglaublichen Massen von Schnee auf den Dächern suchen sich gurgelnd den Weg in die Tiefe, es plitscht und platscht überall. Dauern habe ich Tropfen im Genick und sonstwo. Zudem schleicht hier noch ein Irrer über das Gelände, der anscheinend Spaß daran hat dauernd Glas aus höchster Höhe in meiner unmittelbaren Nähe abzuwerfen.

Man sollte die Übergänge nicht mehr benutzen. Sie sind aus Eisen beziehungsweise Stahl und ihre Böden haben erhebliche Lücken.

Bleichert war, was die Technik betraf ein fortschrittlicher Mensch Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Verwaltungsgebäude ließ er bereits vor dem ersten Weltkrieg einen Paternoster der Firma Unruh & Liebig einbauen. Der Aufzug ist leider nach 1991 einem Brand zum Opfer gefallen, man kann die Anlage noch erahnen, leider aber wegen der verwinkelten Lage nicht richtig fotografieren. Dafür ist die Maschine noch erhalten. Der Aufzug ist bis zum Ende des VEB in Betrieb gewesen.

Bleichert Werke Leipzig, Maschine für Aufzug - 2. März 2013

Bleichert Werke Leipzig, Maschine für Aufzug – 2. März 2013

1945 wurden die Bleichert-Werke im Gegensatz zu vielen anderen Betrieben nicht demontiert und in die UDSSR verfrachtet, sondern wieder aufgebaut und zur Ankurbelung der Produktion in der DDR verwendet. Das Produktportfolio war vielfältig, neben den bewährten Seilbahnen standen unter anderem auch Elektrokarren (Eidechse) auf dem Programm, die man alsbald auf vielen Bahnhöfen bei der Gepäckbeförderung sah. Der westliche Absatzmarkt war weggebrochen, im Westen gründete sich ein Ableger, der den Namen Bleichert behielt, wohingegen in Leipzig aus der ehemaligen Sowjetischen Aktiengesellschaft der VEB Schwermaschinenbau Verlade- und Transportanlagen wurde.

Bleichert Werke Leipzig, Sanka-Garage - 2. März 2013

Bleichert Werke Leipzig, Sanka-Garage – 2. März 2013

Man sieht hier Spuren aus allen Betriebsperioden auf dem Areal. Hinterlassenschaften der jüngeren Vergangenheit sind der bröckelnde Betonputz über dem ursprünglich verwendetem Ziegel, die typischen DDR-Laternen und natürlich auch die Wortwahl. Sanka bedeutet Sanitätskraftwagen. Im Westen hätten wir Rettungswagen oder Krankenwagen bei der Garagenbeschriftung verwendet…

Was ist denn noch über von dem Werk, was schließlich Mitte der 80er Jahre dem Schwermaschinenkombinat TAKRAF zugeordent wurde? Na ja, zum Beispiel der Kran in der grossen Montagehalle aus eigenem Bestand sozusagen:

Bleichert Werke Leipzig, Montagekran - 2. März 2013

Bleichert Werke Leipzig, Montagekran – 2. März 2013

Sonst ist alles leer, zu lange schon, nämlich 22 Jahre ist hier kein Leben mehr im Betrieb. Die Sprayer, Vandalen, Souvenirjäger und Brandstifter haben schon fast ganze Arbeit geleistet.

Bleichert Werke Leipzig, leere Produktionshalle - 2- März 2013

Bleichert Werke Leipzig, leere Produktionshalle – 2- März 2013

Nein, hier wird nichts mehr draus. Keine schicken Lofts, keine Kulturfabrik, garnichts. Ich finde, die Welt darf solche Narben durchaus haben.

Etwas aufwärmen im Auto, ein belegtes Brot und etwas lauwarmer Kaffee aus der Thermoskanne und die Tour geht weiter. Einmal bitte durch die Innenstadt nach Plagwitz.

Und wie es da so war erzähle ich dann später

Phosphatwerk

11 Mär

Das Wetter ist grau, es wird Herbst, das Gemüt ist ebenso grau, diese Bilder haben keine Farben.

“Warum tust Du Dir das an”, werde ich gefragt, “das kann Deine Stimmung doch auch nicht heben?”

Doch, ein kleiner Spaziergang auf dieser Insel bläst mit dem Herbstwind auch trübe Gedanken aus dem Hirn. Das Bewußtein, hier völlig allein zu sein, umgeben von riesigen verfallenen Palästen, klärt den Kopf.

Im Phosphatwerk, Übersicht —22. September 2012

Im Phosphatwerk, Übersicht —22. September 2012

Das Werk liegt auf einer Insel. Man kann die Strassenbrücke entlang gehen und landet am Werkstor vor dem verschlossenem Haupteingang. Man kan hinterrücks über den Eisenbahnanschluß den schmalen Kanal überqueren und steht plötzlich mittendrin.

Im Phosphatwerk, Gebäudefront—22. September 2012

Im Phosphatwerk, Gebäudefront—22. September 2012

Die Anlage ist gewaltig, himmelstürmend. Der Bedarf an künstlichen Düngemitteln für die junge Republik war enorm, die Landwirtschaft hatte Forderungen und Bedarf. Dafür wurde diese Fabrik gebaut.

Im Phosphatwerk, zwei Türme – 22. September 2012

Im Phosphatwerk, zwei Türme – 22. September 2012

Hauptsächlich wurde hier Kieserit behandelt. Auszug aus der Wikipedia:  Kieserit ist ein sulfatischer Magnesium- und Schwefeldünger der K-S KALI GmbH mit 25 % wasserlöslichem Magnesiumoxid und 20 % wasserlöslichem Schwefel.

Im Phosphatwerk, Kieseritlager – 22. September 2012

Im Phosphatwerk, Kieseritlager – 22. September 2012

Es ist wie immer ein ziemlich brutaler Eindruck, der sich bei mir einbrennt. Diese unglaublich überdimensional grossen Gebäude und Werkstätten, die menschenleer vom Wind durchpfiffen ihren Ende entgegensehen. Und das völlige Unverständnis, dass man hiermit nichts mehr hätte anfangen können. Herrjeh, was habe ich in den letzten Jahren für verlassene Orte gesehen, an denen vielleicht noch Rettung für irgendwelche Projekte gewesen wäre …..

Im Phosphatwerk, Grosse Halle – 22. September 2012

Im Phosphatwerk, Grosse Halle – 22. September 2012

Obwohl ich ja (unter anderem) eine handfeste Ingenieurausbldung hinter mir habe, hilft mir mein Schiffbauerwissen bei der Betrachtung des Dachbodens im 7. Stockwerk auch nicht weiter, der Eindruck einer irgendwie missplazierten Kegelbahn drängt sich einem unwillkürlich auf.

Im Phosphatwerk, Kegelbahn– 22. September 2012

Im Phosphatwerk, Kegelbahn– 22. September 2012

Was dieses Areal von anderen unterscheidet, ist zum einen die Entfernung zur Zivilisation, was sich in der bemerkenswert geringen Anzahl von Graffittis widerspiegelt, zum anderen (durch ersteres bedingt) durch die Gegenwart von Artefakten, die noch einen Teil der Historie darstellen. Und seien es schnöde Sicherheitshinweise.

Im Phosphatwerk, Sicherheitshinweise – 22. September 2012

Im Phosphatwerk, Sicherheitshinweise – 22. September 2012

Der Himmel ist noch immer grau …. ein Blick zurück zeigt noch mal die kalte Schulter vom alten Kalkwerk.

Im Phosphatwerk, Halle – 22. September 2012

Im Phosphatwerk, Halle – 22. September 2012

 

Pilger, der du hierher kommest, lass alle Hoffnung fahren

10 Mär

Nachtrag: Ein paar Tage nachdem ich dieses veröffentlicht hatte, ist bekannt geworden, dass bei den tiefen Temperaturen Mitte März 2013 zwei Obdachlose in diesen Gebäuden vermutlich erfroren sind. Das schockiert mich maßlos, ich habe von ihrer Existenz nichts geahnt oder gesehen und bin völlig ratlos und noch desillusionierter, als bevor.

 

Wenn man es nicht wüßte, wo man sich befindet, würde man es nicht glauben.

Strassenbahnen, Busse und S-Bahnen brausen rechts und links um einen her. Geschäfte, Tankstellen und Gebrauchtwagenhändler warten auf Kundschaft.

Und in all diesem brandenden Leben dieser tote Ort.

Berlin Nordost - 9. März 2013

Berlin Nordost – 9. März 2013

Tausende müssen hier gelebt haben. Wo sind sie? Es gibt keine Hinterlassenschaften. Alles ist kalt und grau. Die Fensterhöhlen sind fast alle leer. Der Wind pfeift durch die Gänge.

Berlin Nordost - 9. März 2013

Berlin Nordost – 9. März 2013

Ratten flitzen durch die gefluteten Keller. Die Gebäude sind restlos auch vom letzten Altmetallsammler ausgeplündert. Nur die Stromkabel aus Aluminium waren wohl keinem mehr was wert.

Berlin Nordost - 9. März 2013

Berlin Nordost – 9. März 2013

Es ist ein ganzer Wohnblock, fast eine Kleinstadt, der hier sein Leben aushaucht. Sein Alter hat noch nicht mal groß die dreissig überschritten, da war es schon wieder vorbei.

Berlin Nordost - 9. März 2013

Berlin Nordost – 9. März 2013

Das Sprichwort von der Natur, die sich alles zurückholt, trifft hier voll und ganz zu. Pionierpflanzen überwuchern nicht nur das Gelände sondern nisten sich auf Dachflächen und in den Räumen selber ein.

Berlin Nordost - 9. März 2013

Berlin Nordost – 9. März 2013

Der Fahstuhl in einem Gebäude hat seine letzte Fahrt zwischen die Stockwerke 2 und 3 angetreten. Die Türen sind aufgebogen, Gestänge und Stahlseilfetzen treten ans Tageslicht. Aus dem Schacht hört man hohl Wassertropfen auf den Boden aufklatschen.

Berlin Nordost - 9. März 2013

Berlin Nordost – 9. März 2013

Dieser Ort ist wirklich verloren. Das einzige Lebewesen, was es neben den Ratten hier noch aushält, sind Krähen. Plusterig und faul hocken sie auf Ästen, hüpfen schwerfällig zur Seite wenn der Eindringling ihnen hier zu nahe kommt und schwingen sich endlich mit rauhem Krächzen in die Luft.

Berlin Nordost - 13. März 2013

Berlin Nordost – 13. März 2013

Auf dem grossen Platz in der Mitte zwischen den Wohnblöcken ein mystischer Kreis aus alten Autoreifen. Fast schon wie eine Thingstätte oder der Ort für ein grosses Palaver.

Berlin Nordost - 9. März 2013

Berlin Nordost – 9. März 2013

Die ersten Schneeflocken fallen und schmelzen auf der Linse des Objektivs.

Zeit zu gehen.

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